18.07.2018
Das darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Tobias Siebert

Podcast Folge 3

 

 

Wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, grenzüberschreitend sein, wehtun?

In diesem Podcast führen drei junge AutorInnen, die literarisches Schreiben in Leipzig, Hildesheim und Berlin studieren, Tagebuch, wie diese Fragen in ihrem Umfeld diskutiert werden und welche Rolle sie für ihr Schreiben spielen.


Tobias Siebert, geb. 1993 in Rheda-Wiedenbrück, studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und seit 2017 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt unter anderem für SPEX und The Gap.


Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

18.07.2018
Das darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Giorgi Jamburia

Podcast Folge 1

 

Wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, grenzüberschreitend sein, wehtun?

In diesem Podcast führen drei junge AutorInnen, die literarisches Schreiben in Leipzig, Hildesheim und Berlin studieren, Tagebuch, wie diese Fragen in ihrem Umfeld diskutiert werden und welche Rolle sie für ihr Schreiben spielen.


Giorgi Jamburia, geboren 1992 in Tbilisi/Georgien und dort aufgewachsen. Trat mit 12 Jahren einem Kurs für kreatives Schreiben bei, absolvierte mit 16 ein Schüler-Austauschsemester in der Schweiz. Mit einem DAAD-Stipendium begann er im Alter von 18 Jahren in der Bundesrepublik zu studieren, zunächst am Studienkolleg in Heidelberg, dann in Berlin: Deutsche Philologie und Philosophie an der Freien Universität. Gründung einer Onlinezeitschrift über elektronische Musik und Klubkultur in georgischer Sprache. Studiert zur Zeit Szenisches Schreiben an der UdK. Sein erstes Stück „Die Ermordung des Kaisers Elagabal” wurde im Rahmen verschiedener Werkstattinszenierungen im BAT Studiotheater, in der Riethalle des Hans Otto Theaters Potsdam und in der BOX des Deutschen Theaters gezeigt.


Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

18.07.2018
Das darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Arpana Aischa Berndt

Podcast Folge 2

 

Wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, grenzüberschreitend sein, wehtun?

In diesem Podcast führen drei junge AutorInnen, die literarisches Schreiben in Leipzig, Hildesheim und Berlin studieren, Tagebuch, wie diese Fragen in ihrem Umfeld diskutiert werden und welche Rolle sie für ihr Schreiben spielen.


Arpana Aischa Berndt, geboren 1994 im Wendland, studiert seit 2015 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, ist Mitherausgeberin der BELLA triste und schreibt mit Tobias Gralke regelmäßig über ihren Umgang mit Rassismus auf pfeil-undbogen.de. Sie leitet Workshops zu Empowerment und Kreativem Schreiben.


Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

05.07.2018
CONVERSATION PIECE
Andreas Bülhoff & Lena Vöcklinghaus

Dossier: Schreiben über Lesungen (Einführung)

_1_ Eine Autorin lädt zu einer Lesung in ein Literaturhaus ein, aber bis auf etwas ausgedruckten Text an der Wand findet keine Literatur statt. Menschen holen sich Getränke und unterhalten sich. Manche bleiben lange, andere verlassen den Raum nach kurzer Zeit. “in germany’s literary readings”, schreibt Mara Genschel, deren Nicht-Lesung so vor einigen Jahren in Kreuzberg stattfand, “it is still possible to relatively easily provoke or, better, disgust an indulgent (patient), literary interested, even if well-informed audience – I mean: making people leave the room / slapping the door etc. – like in the 50s!” Ein recht stabiles Set kultureller Praktiken, made in Germany.

_2_ Eine Polizistin stürmt keine Bühne, um qua Personalausweis zu checken, ob die Person, die als Marilyn Monroe posiert, wirklich Marilyn Monroe ist. Eine Polizistin stürmt keine Bar, um eine dunkelhaarige Frau abzuführen, die einen Text liest, selbst wenn sein Titel “Gesellschaft zum Aufschlitzen der Männer” lautet. Mikro, Scheinwerfer, ein Skript bauen den Schonraum, knüpfen den fiktionalen Pakt, lassen Austins Performativa am Theaterrahmen zerschellen. Eine Zuschauerin denkt über die Nase der Marilyn Monroe darstellenden Schauspielerin nach. Eine Lesende sieht vom Skript auf und raunt ihren Namen ins Mikro. Eine Pose ist eine Pose ist auf der Bühne: so leicht ist das nicht, Marilyn. Aber die Nase ist wichtig, der Name. Dass die Wahrnehmung von der Fiktion in die Beschaffenheit in die Alltagswirklichkeit rutschen darf, dabei innehalten in den sich überlagernden Momenten. Dass diese Bewegung evoziert werden kann, aber niemals völlig kontrolliert. Dass auch im Schonraum real verletzt werden kann, eventuell je leichter, desto laienhafter alles dort scheint, desto professionell jünger alles dort ist, desto seltener die Person und ihr Text auf einer Bühne sind. Dass es billig ist, Alltagswirklichkeit im Schonraum zu behaupten, dass es aber umso mehr Freude macht, sorgfältig eingestrickte Alltagswirklichkeit im Schonraum erkennen zu können oder erkennen zu meinen. Dass es ein wenig peinlich ist, den darunterliegenden Reiz zuzugeben. Der ist heimlich und schmutzig, eventuell: real? Nö. So leicht ist das nicht, Valerie.

_3_ Wie bei einer argentinischen Milonga, wenn du die Paare auf dem Parkett beobachtest. Da lädt schon die Anordnung im Raum zum Starren ein, weil du als Zuschauer so am Rand stehst und darauf wartest, aufgefordert zu werden, oder einfach Pause machst. Und dieses Starren, das schließt dann eben nicht nur den Tanz, sondern ganz automatisch auch den ganzen Körper mit ein. Du guckst auf den Sitz der Kleidung, das Fallen der Haare, die Statur, die Haltung, und mit Tanzen hat dieses Gucken dann ja auch eigentlich sehr wenig zu tun. Weil dir ja nicht die Sachen auffallen, die die Bewegungen unterstreichen, sondern eben das Gegenteil, die ganzen Eigenheiten, die aus dem Tangoschauen rausreißen und dich daran erinnern, dass es eben Körper sind da vor dir auf dem Parkett. Unterhosenlinien. Blutflecken an den Versen. Einschnürende Gürtel. Ins Gesicht fallende Haare. Aus dem Gesicht herauszementierte Haare. Sowas. Das lenkt deine Aufmerksamkeit von der eigentlichen Performance weg auf den Menschen. Und klar, das nimmst du so am Rand stehend auch ein wenig schadenfroh auf. Wenn da jemand mit Unterhosenlinien und Hüftgold schwooft, dann fällt dir ja selbst viel leichter, da mitzumachen.

_4_ Ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und sitze meiner Oma gegenüber an einem kleinen, runden Tisch. Vor mir ein Mehrkornbrot mit irgendeinem Belag, vermutlich Streichwurst, und ein Glas Multivitaminsaft. Es ist das kleinste Zimmer in ihrer Wohnung in Essen-Rüttenscheid, eine Art Gästezimmer. Neben der gehäkelten Decke auf dem kleinen Tisch und der schweren, teppichartigen Tagesdecke auf dem kleinen Bett in der Ecke, an die ich mich sehr genau zu erinnern meine, ist das Zimmer voll mit alten Bildern, Kunst, die mein mir unbekannter Opa gesammelt hatte, bis zur Decke, petersburgisch gehängt. So kommt es mir jetzt vor. Der Fußboden bedeckt mit einer dicken Schicht alter Teppiche.

_5_ Wie beim Klaviervorspiel, wenn du als dritter oder vierter auf die Bühne trittst, nachdem du zuvor in der ersten Reihe des Publikums abgewartet hast, bis du dran bist, mit viel zu kalten, schwitzigen Händen. Kleide dich schick aber dezent, das ist eine Frage des Respekts gegenüber dem Publikum, das gekommen ist, um dir zuzuhören. Keine Faxen, es geht um die Musik. Aber dann, wenn du spielst, lass dich fallen, spiel gelöst, nicht nur mit den Händen. Ein leichtes Vorlehnen des Körpers macht an der entscheidenden Stelle nicht nur den Ton besser, sondern die ganzkörperliche Geste des Anschlags lässt ihn auch visuell nachvollziehbar werden. Nur Tasten, Mechanik zwar – und doch sind die Haltungen, die Bewegungen entscheidend. Die Gestik des Anschlags verändert das Gehörte, der Ton wird visuell hörbar. Die Verkörperung des Tönens ist auch eine Veränderung der Darstellenden. Blicken Eltern, Freunde, Verwandte gerührt auf den anders agierenden Körper, klopft die Lehrerin dir anschließend sanft auf die Schulter.

_6_ “I present oral communication as an object, … all art is information and communication. I’ve chosen to speak rather than sculpt”, sagt Ian Wilson. Menschen treffen sich zu einer Performance in einer Galerie o. Ä., Wilson stellt eine Frage und mehr oder weniger kommunikationswillige Besucherinnen sprechen, hören zu, unterhalten sich. Das ist alles. Ersetzt man ‚art’ durch ‚literature’ und ‚Galerie o.Ä.’ durch ‚Bar’ oder ‚Literaturhaus’, ist man ziemlich nah an dem, was man heute eine literarische Lesung nennen könnte. Literatur als Kommunikation, aber auch: Literatur als Kommunikationsanlass. Weiter sprechen.

_7_ Ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und meine Oma liest mir vor. Das ist anders als die Geschichten von Astrid Lindgren oder Ottfried Preußler, die meine Mutter meinem Bruder und mir nachmittags oder abends zum Einschlafen vorliest. Sie liest aus einer Kinderversion der Ilias. Puh. Ich unterbreche sie mit Fragen und sie erklärt und schmückt aus. Das wiederholt sich in meiner Erinnerung viele Male. Nichts davon wird mir langweilig, ich könnte das immer wieder tun: essen, zuhören, Fragen stellen. Und meine Oma schmiert, liest und antwortet. Der Fußboden bedeckt mit einer dicken Schicht alter Teppiche.

_8_ Tänze regulieren nicht nur die Bewegungen, sondern auch das, was den Beteiligten wahrzunehmen erlaubt ist. Auf Milongas, wo Tangueras und Tangueros am Rande der Tanzfläche aushandeln, ob sie die nächsten drei bis fünf Tänze miteinander tanzen, herrscht ein strenges Reglement der Blicke. Beim Tanzen sind sie ausgeschaltet, die Aufmerksamkeit nach innen gerichtet, ein Lauschen auf die Bewegungen des Partners, der Partnerin, das kein Schauen zulässt. Beim Warten schaut man hingegen doppelt: erstens offen auf die Tanzfläche, mal bewundernd, mal abschätzig, mit der Vorwand oder dem Grund, die eigenen Fertigkeiten per Schauen zu schulen und das Gesehene später im eigenen Körper in Bewegungen zu übersetzen. Und zweitens gibt es die folgenreichen Blicke, die das Suchen potenzieller Tanzpartner regeln und aufgeteilt sind in ein sehr unauffälliges Scannen der am Rande stehenden Körper und einen kontrollierten Wechsel zu einer nonverbalen Aufforderung, die als solche erkannt werden will. Treffen sich zwei solcher Blicke, bleiben sie ein paar Sekunden aneinander hängen, nickt ein Mann einer Frau zu, und erst wenn sie das Nicken erwidert, bewegt er sich.

_9_ Ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und meine Oma liest mir vor. Der Kampf um Troja wird mir selbstverständlich, schreibt sich mir ein. Ich stecke mit gepanzerten Männern im Bauch des Pferdes. Wie selbstverständlich spreche ich davon in der Schule. Dass das anders ist als bei den Kids, mit denen ich am Büdchen nach der Schule Kaugummis und Sammelkarten kaufe oder nächtelang Nintendo spiele, wird mir erst viel später bewusst. Habe ich das hölzerne Pferd verlassen, sitze ich z.B. in einer Bar in Berlin Neukölln neben Menschen, die die Ilias gelesen haben oder nicht. Und eine Stunde lang werden Texte vorgelesen, mit denen ich gut zurechtkomme. Kurzer Blick zur Seite: same same. Teppiche aber sehe ich nur auf dem Boden der kleinen Bühne.

_10_ Wie beim Fahrstuhlfahren, wenn der Körper auch eigentlich eher im Weg ist als zum Ziel zu führen. Er darf die Arbeit nicht stören, indem er heftig springt oder irgendwelche Knöpfe drückt, sondern muss in eine Art Stand-by-Modus verfallen, bis er wieder an der Reihe ist, die Fortbewegung zu übernehmen. Wie beim Fahrstuhlfahren ist das dann auch mit dem Schauen auf der Bühne, wenn die Person neben dir redet oder etwas vorliest: Wenn jemand mit dir zusammen Fahrstuhl fährt, dann musterst du ihn ja auch verstohlen, findest es irgendwie gut, einen fremden Körper derart nah im Stand-by-Modus zu sehen. Du weißt aber auch, dass du nach außen die Fassade wahren, desinteressiert wirken musst an diesem ja eigentlich so interessant nahen Körper. Das erkennst du gut daran, wie peinlich es für beide ist, wenn du ein Gegenüber in einem Fahrstuhl unverhohlen anstarrst. Du brauchst da den desinteressierten Stand-by-Modus. Also auf der Bühne immer an Fahrstuhlfahren denken.

_11_ Menschen schreiben Texte und lesen sie vor. Menschen hören zu, unterhalten sich, schreiben ähnliche oder andere Texte oder nichts von alledem. Was stünde dabei auf dem Spiel? Im Bauch des Pferdes darf kaum nur geflüstert werden. Und danach? 1968 schließt Graciela Carnevale die Besucher*innen ihrer Performance ohne Vorwarnung in einen leeren Ausstellungsraum ein. Nach über einer Stunde zerstört jemand aus dem Publikum das Schaufenster der Galerie und die Menschen können den Raum wieder verlassen. Das Publikum in mehr oder weniger freiwilliger Gefangenschaft.

_12_ Dabei im Gespräch bleiben: Lesungen sind auch Kommunikationsanlässe, wenn man im Wintersemester 2017/18 in Hildesheimer Seminarräumen sitzt und über Texte redet, die man zu Hause gelesen hat, Texte, die soeben jede für sich im Stillen las, Texte, deren Lesung man besucht hat und an deren Besuch man sich nun zu erinnern sucht und Texte, deren Lesung man als Video gemeinsam auf Youtube ansieht. Kommunikationsanlass war also auch das Seminar “Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe”, an dessen Ende die Teilnehmerinnen Beiträge verfasst haben, die es hier zu lesen gibt. Reden über das Reden über Literatur. Texte über Lesungen von Texten.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
WIE DANN SO DIE TEXTE, DIE MAN ERST SO GELESEN HAT, AUCH DIE WIR JETZT ERST MAL SO GELESEN HABEN, WIE DA AUF EINMAL SOWAS PASSIERT, MIT PUBLIKUM UND SO, ALSO WAS SO PASSIERT, SO MIT SO TEXTEN
Anne Küper

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

EINS

Guten Abend. Schönen Abend. Wunderschönen guten Abend. Isses an? So. Hallihallo. Uns allen hier einen wunderschönen Abend, heute Abend, ja. Hallo. Auch von mir ein Hallo. Uns allen einen schönen Abend und viel Spaß. Schönen guten Tag, liebes Hildesheim, herzlich willkommen hier und heute, heute Abend. Im 360 Grad-Modus. Ich freue mich sehr hier in der Stadt zu sein. Nicht nur in Hildesheim, sondern auch hier in der Stadt, in dieser neuen Spielzeit sozusagen, in diesen Minuten, ja, ich freu mich heute Abend hier zu sein. Ähm. Ich bin auch ganz aufgeregt. Ich kann das mit den Ständern immer nicht. Dieses, dieses Mikrofon ist tatsächlich so auf, also so im Modus Sonor eingestellt. Ich hab noch nie mit so viel Hall gelesen. Hört ihr mich auch so? Weil ich ein bisschen kleiner bin, mach ich das jetzt einfach so. Kann gemacht werden, muss nicht gemacht werden, zu viel ist auch nicht gut, das ist auch nicht erlaubt. Okay. Cool. Ich sehe euch auch. Ja, vielen, vielen herzlichen, äh, Dank, dass ihr alle hier seid. Herzlich willkommen.

Es ist sehr schön bei euch zu sein. Es ist sehr schön, so viele Menschen heute hier zu sehen. Junge, literaturverliebte Menschen, aber auch alte, je nachdem, wie sie wollen. Das ist ja ganz wunderbar. Es ist wirklich ganz wunderbar. Meine Fresse, sind hier viele Leute, tausend oder so sitzen hier, ich hab nicht gezählt. Ich bin kein besonders guter Kopfrechner. Ich glaub mir wird gleich schwindelig. Ich finde aber, dafür könnt ihr euch erstmal selber abholen. Einen schönen Applaus für euch selbst, dass ihr hier seid. Ihr habt alles richtig gemacht. Ihr seid bei der besten Literaturveranstaltung der Stadt gelandet. Also tut euch selbst einen großen Gefallen, und kommt wieder und wieder und wieder, kommt nicht, kommt bitte nicht ganz ran, ja. Ich muss mich nochmal umschauen. Ich hab doch hier von hier oben immer so ein rankes, schlankes, eingeschränktes Sichtfeld. Ich kann nicht aufhören euch alle anzugucken, weil ihr ganz wunderbar ausseht und auch so viele seid, und das ist ganz schön. Ich grüße auch meine Fans aus Celle, äh, einen wunderschönen guten Abend. Und auch ich freu mich sehr, hier vor meinen wundervollen Kollegen und Kolleginnen einen Text vortragen zu dürfen. Wir sind hier unter Freunden, noch. Vielleicht werden wir später auch erbitterte Feinde. Das werden wir aber erst hinterher wissen. Und wir haben heute, weil wir ein kleines Line Up haben, wir haben heute extra ein Plakat angefertigt. Allerdings gab es da aber eine kleine Verschiebung. Eine Person ist leider erkrankt, für sie ist aber eine andere Person da. Heute also ist sie nicht da, bedauerlicherweise. Heute also alles Autorinnen möchte ich mal sagen, übrigens. Na, nicht alle natürlich. Ein Mann ist dabei. Der einzige Mann in Hildesheim. Hildesheim kann eben was.

Und deswegen will ich auch gar nicht viel länger außen vor halten. Dann würd ich sagen, jetzt hast du eigentlich schon alles gesagt, ja, dann geht’s los. Jetzt geht’s los. Jetzt geht’s richtig rund. Jetzt eine Sache noch: wir starten jetzt. Ähm, ich hab’s so gehalten, nur damit, ähm, ihr Bescheid wisst, dass ich so im ersten Teil der Lesung ein paar Gedichte, auch andere Gedichte lesen werde, und im zweiten Teil Prosa, die halt eher so verkappte Lyrik ist. Und drei weitere Texte, also es sind acht. Fünf oder so. Der eine Auszug ist szenisch gelesen. So zwischendurch, äh, zwischen den Texten werde ich euch so Verschnaufpausen geben, dass ihr euch auch kleine Notizen machen könnt zu den Texten, die ihr gehört habt. Und öhm. Genau. Es können mal Zitate drinne sein, ja, es können auch mal Liedpassagen wiederholt werden, ne. Außer diesen Texten haben wir auch noch, damit das sozusagen nicht so postironisch hier zugeht, auch noch richtige Musik. Und da freu ich mich drauf. Weil also Musik ist auch ganz schön wichtig, und schön, und ja. Musik ist auch toll.

 

Es wird am Ende die Möglichkeit geben, weil ja Lesungen sonst so ein bisschen langweilig sind, haben wir gedacht, wir machen da so ein bisschen competition da rein, dass ihr sozusagen am Schluss, äh, einen Text, äh, wählen könnt, der sozusagen hier publikumsmäßig, äh, dann, äh, bestimmt wird, um am 10. Februar, am 11. Februar, hier nochmal gelesen zu werden. Ey, und ich meine, es ist voll scheiße, dass wir so eine competition machen, das wissen ja alle. Weil alle sind cool, und alle sind gut. Eine letzte Sache wird noch zu erklären sein. Und zwar: Ich komm aus Lippe, ich bin Ostwestfale.

 

ZWEI

Ah, guck mal, ihr werdet von alleine leise. Äh genau. Jetzt wird es ja so ernst. Auch lieb, dass du das Mikro extra so tief stellst. Nur für mich. Für die ersten, die auftreten, ist es immer besonders schwer ihren Text vorzutragen. Entschuldigung, dass ihr warten musstet. Ich wollte gar nicht so lange darauf warten lassen. Das war gar nicht so beabsichtigt.

Genau. Wen es ansonsten interessiert: Halle an der Saale. Quasi das Äquivalent dazu ist Lage, das ist eine Stadt, da gibt’s nichts außer einer Kreuzung, ein Bahnhof, und eine Zuckerrübenfabrik. Und Gestank, also damit einhergehend Gestank. Und äh, mehr nicht. Äh, ich weiß nicht wie Salzgitter ist. Ob da halt eine Salz- nee, oke, gut, ja. Viel mehr kann ich dann zu Salzgitter auch gar nicht mehr sagen. Ich glaube, da ist auch, ähm, da gibt’s die Mannesmannröhrenwerke. Großer Laden, mit dreißigtausend Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Ich lass das jetzt einfach mal so stehen. Ich bin ja nicht so ein Lokalmatador, ich komm ja eigentlich, ich bin ja noch nicht so lange hier, hab ich ja schon erzählt, so, schön, egal.

Ich komme immer noch aus Petershagen. Oder wie Donald, äh, Trump sagen würde: irgendeinem Scheißloch. Ähm genau. So, als ob’s, äh, als ob ihr es geahnt hättet, also ich würd jetzt mit euch gerne auf der Spaßskala ein bisschen auf ’ne zehn gehen. Ich hab hier mal ein bisschen einen ernsteren Text für euch, und zwar geht es um Politik. Und wir alle kennen den Ausdruck fake news, und wir wissen auch alle, wer den etabliert hat, diesen tollen Ausdruck. Fake news. Ähm, aber ähm, es geht mit diesen fake news in eine Richtung, die ich selber ein bisschen bedrohlich finde für die Meinungsfreiheit, deswegen habe ich einen Text geschrieben, und der lautet: die Waffe. Genau. Darüber geht mein Text. So. Und zwar fange ich ganz unten an. Deswegen frag ich vielleicht mal als allererstes: Wo fang ich denn an? Vielleicht hier unten erstmal. Ich hol mal schnell das Buch.

Ähm, der Prosatext, den ich jetzt lesen möchte, ist, hm, wie soll ich sagen, ähm, ist so ein bisschen so aus einem neuen Projekt, was ich, was ich angehen möchte, und dieses Projekt ist ein, hm, Projekt, was ich auch so schauen will, was sozusagen methodisch, methodisch geht, ähm. Ich möchte das methodische Verfahren des Deepmappen, äh, austesten. Also Deepmapping funktioniert so, dass man sich eben ein bestimmtes Areal herausnimmt, oder einen bestimmten Gegenstand, oder was auch immer, also einen begrenzten Raum. Und den halt auf seine historischen Tiefendimensionen abtastet. Und, ähm, das Material, was man dann eben findet, äh, zueinander in Beziehung setzt, konstelliert, und das ist jetzt sozusagen ein Ausschnitt, ähm, davon. Und ich werde sehen, wie weit mich das so in der nächsten Zeit führen wird. Das sind jetzt natürlich immer nur Ausschnitte von den Stücken, das ist schon klar, oder? Das sind sozusagen nicht die ganzen Texte, die sind teilweise sehr lang, und ähm, ich habe sozusagen versucht, die so, ja, genau. Ich spreche so sehr nach links, ne? Sorry. War eigentlich nicht mit Absicht. Ich stell mich ein bisschen weiter nach hier, dann kann ich mehr nach da gucken. Dann kann ich das auch besser lesen. Dann sind das keine kryptischen Zeichen mehr. So, wieder was gelernt, Hammer. Ganz wunderbar.

Achso, braucht ihr noch eine Inhaltsangabe? Ähm. Was ist da los? Valentin? Was geht da ab? Es geht um Ikarus, um Bodybuilding, Ariel, und um, ich hoffe ich sprech’s jetzt richtig aus, Fußball. Fußball ist auch so ein Thema, würde ich sagen, ein Thema, was uns generell alle mehr beschäftigen sollte. Ja. Der Text handelt von abgebrannten Bars und einem überraschenden Gespräch. Es geht auch um fließende Gewässer, und allem, was da so drin fließt. Eine Art, äh, Woyzeck, äh, wie sagt man dazu? Überschreibung. Vor allem aber um eine mutige Form mit so einer Sprache umzugehen auf jeden Fall, find ich auf jeden Fall, in so einer Wellenform. Also es geht um das, da haben, äh, Johanna und Noah gucken das, gucken da in die Ferne mit den Objektiven, und die Geschichte von der weißen Pfanne kommt da auch drin vor. Zwei, ähm, ein Sportdirektor und ein Scout treffen sich. Stichwort Goldfischglas, Fernsehteam, Sensationen. Stichwort Benjamin, Stichwort Weihnachtsmann. Erinnert sich noch jemand an Weihnachten? Ah ja. Ich möchte nämlich mit euch über Depressionen sprechen. Das hat Weihnachten angefangen, also eigentlich hat das ein bisschen vorher angefangen, denn kurz vor Weihnachten hat, ähm, mein Freund mit mir Schluss gemacht. Aber eigentlich war das gar nicht so schlimm. Ähm, ja, äh, genau, wir waren auch schon so sechs Monate zusammen. Das war peinlich.

Aber weniger von mir. Ich glaube, anderes Thema, ähm, ich glaube jeder hat so eine Person in seinem Leben, mit der er mal richtig gut befreundet war, wo dann aber im Laufe der Zeit so ein bisschen der Kontakt verloren gegangen ist. Bei mir zumindest war das so. Bei mir zumindest war das so eigentlich immer die magische Grenze, nach sechs Monaten war einfach Schluss. Ich schreibe halt Texte, die vor allem auf, äh, realen Begebenheiten, äh, basieren, nicht immer hundertprozentig, aber wie viel quasi davon real ist und wie viel nicht, das könnt ihr dann völlig selbst entscheiden. Was für euch schöner ist quasi. Der Text ist, äh, basiert auf einer kleinen Kurzgeschichte, äh, die ich erlebt habe, als wir, als ich mit meiner Freundin vor, ähm, einigen Wochen, äh, im Kino war. Das war jetzt nicht so das Problem, das kannte ich. Das Problem war vielmehr Weihnachten. Und es tut mir Leid, ähm, auch ich habe ein Problem mit Stereotypen und Klischees, aber meine Familie erfüllt alle.

Deshalb kommt jetzt eine wahre Geschichte. Oke, das hörte sich weniger episch an, als ich dachte. Ihr habt ja schon gemerkt, eigentlich mache ich das hier nur, um über meine Probleme zu erzählen. Ja. Ich möchte jetzt auch wieder über ein Problem reden. Auch der nächste Text hat, äh, sehr persönliche, einen sehr persönlichen Hintergrund. Und äh ja. Das hat natürlich nichts mit mir zu tun. Vor ein paar Monaten hat mir mal jemand eine Frage gestellt, über die ich im Nachhinein noch ziemlich lange nachdenken musste. Die Frage war: Was bist du wert? Und ich durfte darauf nur mit einem einzigen Satz antworten, und es gab auch keine Erklärung dazu, oder so, und das hat mich dezent überfordert, und ähm, deswegen ist auch im Nachhinein der folgende Text entstanden. Und wenn ich durchgeatmet habe, dann erzähl ich euch den auch. Ich lese euch den jetzt einfach mal vor. Lange Rede, kurzer Sinn. Der Text heißt Geschlechtsgeschichte. Ich hör jetzt auch auf zu reden. Ich rede ein bisschen zu viel. Ich rede gar nicht zu viel. Ja, ich weiß das. Das krieg ich ganz oft gesagt, ich weiß das. Ich weiß, dass ich zu viel rede. Hach ja. Hui. Das ist auch eh schon viel zu viel Zeit für mich, weil mein Text ist eigentlich gar nicht so wichtig.

Es wird auch schon wieder leiser. Um Gottes Willen seid ihr leise. Ihr hört mir zu, warum auch immer, warum auch applaudieren, äh. Ich hab es wieder ruhig gemacht. Das kann ich gut, das ist meine Zauberkraft. Danke für diesen Trostapplaus. Leute, Alter, coolio. Da schaue ich nochmal in mein schlaues Buch, aha, mh, mh. Was wir vorhin vergessen haben zu sagen, es ist eigentlich alles gesagt. Wir wollen nicht mehr, wir wollen nicht mehr. Wir wollen weitermachen. Wir haben noch drei weitere Texte, äh, Texte sozusagen. Ich lese zum Glück keine Texte. Außer gleich einen. Also einen, aber der ist gut. Toller Text, tolles Thema, öhm, der geht ja auch noch weiter der Text. Wir lesen jetzt unseren letzten Text, danach kommt noch einer. Über das Aushalten. Jetzt offiziell zum ersten, äh, zum letzten Mal. Haltet euch ruhig die Ohren zu. Haltet eure Tomaten fest. Und vielleicht macht ihr das so, vielleicht können wir ja, vielleicht können wir die dann so, also erstmal herausfinden.

 

DREI

Also, äh, ganz schön. Sollten wir öfter machen. Also würd ich sagen: das war super. Ich hoffe, das war nicht schlimm, dass wir das so gemacht haben, also hier. Find ich eigentlich ganz gut, weil das einfach eine schöne Sache ist, weil jeder mitmachen kann, der, äh, gerne möchte, und auch mal das erste Mal auf der Bühne steht. Das ist einfach ein wunderbares Format dafür. Hat’s euch Spaß gemacht? Gut. Okay. Was machen, was sollen wir denn jetzt machen? Achso. Das Ding entscheiden, ne? Also ähm, also erstmal ähm, kann ich euch sagen, dass das jetzt scheiße ist, dass wir hier jetzt so Leute auswählen, also dass jetzt so, soso, so Leute gewinnen oder auch verlieren, so losen. Weil erstmal ist, glaub ich irgendwie, war das eine coole Begegnung so, zwischen den Sphären, und auch mal wieder überraschend. Auch so heute Abend. Wie dann so die Texte, die man erst so gelesen hat, auch die wir jetzt erstmal so gelesen haben, wie da auf einmal sowas passiert, mit Publikum und so, also was so passiert, so mit so Texten. Ist ja auch immer irgendwie, ist ja immer wieder interessant. Und dass sich, ähm, Dinge anders lesen oder schreiben, als sie sich dann sprechen, oder, äh, vor Publikum sprechen, so. Das sind ja alles Fragen, ähm, also naja. Solche Texte finden auch immer wieder mal so ein bisschen eine Änderung und so, da werden Sachen umgeschrieben. Und dann stockt das manchmal auch so ein bisschen, äh, das kann passieren. So ist das. Man muss aber sagen, fairerweise, dieses Setting ist natürlich eines, wo Noah und, äh, so Kram belohnt wird, und vielleicht nicht sowas Feineres, Psychologisches, äh, insofern hat es so ein Text glaube ich schwieriger, also so, will ich jetzt nur mal so sagen, als Anwalt, der ich wahrscheinlich gar nicht sein muss.

Die nächste Ausgabe ist im März, dann wieder mit einem anderen Thema. Einmal monatlich, genau. 11. Februar ist glaub ich der erste Termin. Ab dann findet ihr die Termine auch im Leporello und im Internet, äh. Seid ihr noch da? Äh Günther? Äh Christian? Kommt mal bitte alle hier nach vorn? Saskia, kommst du auch? Viele Frauen heute Abend hier, ich find’s toll. Zwei Frauen. Es ist Wahnsinn. Oder Antonia, du warst die einzige Frau hier oben heute. War das sehr scheiße? Ging, ging, ne, gut. Wir hätten so einen Tusch machen können. Hat jemand so einen Beatbox-Tusch? Frank, kleiner Beatbox-Tusch? Oke, wir machen es auch nicht spannender als es sein soll. Wir kriegen nicht viel, wir haben nicht viel. Wir haben keine CDs. Von solchen Abenden bleibt nicht viel übrig. Aber was bleibt, sind kleine Geschenke. Wenn ihr das wollt, dann ist das so, ja, dann ist das so oke.

Vielen Dank, dass ihr alle da ward. Ich sag noch danke, dass ihr alle da ward. Vielen Dank, dass ihr unser Publikum ward. Dankeschön. Dankeschön. Danke und dankeschön. Vielen, vielen lieben Dank. Danke an euch übrigens, fand ich gut, super. Danke für’s Zuhören. Und jetzt gibt’s noch ein bisschen Musik. Und Drinks. Und trinkt ganz viel, macht ganz viel Pipi, dann trinkt wieder ganz viel. Und ihr könnt rauchen. Und bleibt noch hier. Und gleich, ihr könnt mir jetzt bitte gleich, schon beim Rausgehen vielleicht, oder beim Getränke bestellen, oder beim Toilettengang, könnt ihr mir jetzt gleich hier schon mal, das wär super. Bleibt noch, wenn ihr mögt. Und bis zum nächsten Mal. Wir sehen uns wieder. Und schön, dass ihr alle da ward.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Lesung von Mariana Leky (Was Man Von Hier Aus Sehen Kann) und Kevin Kuhn (Liv) in der Literaturkirche St. Jakobi
Selina Hillebrand

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Ankommen

Mit dem Fahrrad, mit nassen Nackenhaaren, kaputter Taschenschnalle und nur noch 2 Zigaretten. Später irgendwo zwischen einem kleinen Dorf im Westerwald und der Hauptstadt Berlin. Das Irgendwo-dazwischen beschäftigt uns oft.

Anhauchen

Beschlagene, verregnete Brillengläser. Mit dem Unterhemd über das kühle Glas fahren, die Feuchtigkeit aufsaugen, möglichst nichts verschmieren, das geht besser mit Druck. Daumen, Stoff, Brillenglas, Stoff, Zeigefinger. Kleine Kreise drehen, bis in die Ecken. Brille aufsetzen und das feuchte Unterhemd wieder in die Hose stecken.

Abklappern

Die Lebensläufe, einmal offiziell, einmal inoffiziell, einmal Augenbrauen hochziehen zur Bestätigung. Klappentexte beschönen Viten ja oft. Synchrones Wasserglasnippen und Lippen befeuchten. Unsere Bücher sind ja nicht vom Himmel gefallen, dahinter stehen Blockaden und Perspektiven. Du schreibst wie eine niederländische Klöppelmeisterin.

Aushorchen

Es gibt ja keine dummen Fragen: Ist das der Hildesheimer Schreibstil?

Anbehalten

7 schwarzbraune halbnasse Kapuzen mit tropfender Fellkrempe ruhen auf Stuhllehnen. Eine hellorangene Fleecejacke schräg vor mir. Sie riecht leicht nach Pferd. Ab und an das ungemütliche Knistern von Regenjacken. Mein riesiger schwarzer Mantel, dessen feuchte Ränder hin und wieder über die Nachbarstuhlränder hinausragen und fremde Knie volltropfen. Es ist zu warm, aber meine Klamotten darunter riechen nach Zwiebeln und Schinkennudeln mit Ketchup.

Aneinanderlegen

Hände: ineinander und auseinander gefaltet, Fingerspitzen aneinandergelegt, Daumen- und Zeigefingerkuppe drehen ein unsichtbares Rädchen, Kratzen über Nasenrücken, Handflächen Formen eine Höhle, in die hineingeatmet wird, Fingerknöchel reiben durch Augen, Handflächen umfassen das Gesicht wie einen Ball, Finger streicheln im Halbkreis über Nacken, streichen die Daunenjacke glatt.

Austrinken

Das ploppende Geräusch von Lippen, die sich aus dem Vakuum einer Glasflasche lösen.

Abhusten

Die in der Reihe vor mir. Die mit der orangenen Fleecejacke, mit der Tasche auf dem Schoß, die zu spät kam, ist hier noch frei, die aufgeregt laut überlegte, von wo Kevin Kuhn kommen wird, vielleicht kommt er von da vorn, die Tür ist zu. Haben Sie ein Hustenbonbon?

Ablesen

Melodisch klingende Zeilen, an denen Marianna Lekys Blick entlang gleitet, angeleuchtet von geschwungenen Leselampen, die einen kleinen Lichtkreis auf ihre Wange werfen. Umblättern, ab und an kurze Pausen, ein flüchtiger Blick ins Publikum, Griff zum Wasserglas.

Anfassen
Herausgelesene, fast greifbare Figuren, die auf der Bühne erscheinen:
Eine Frau, die genauso viel Angst hat vor dem Tod, wie vor der Liebe,
Selma im Nachthemd und barfuß. Ihre alten dürren Zehen sind krumm und lang,
Ein Okapi, das ein Tier ist, das nicht aus einem Guss besteht,
Eine Frau, die zwischen blühenden Zitrusbäumen im stoppeligen Gras liegt, während ihre Mutter mit einem Wäschekorb in der Hand über sie hinwegsteigt,
Vanni, die eines dieser Mädchen mit diesem schönen Strahlen ist.
Wir folgen Franz in die Nacht hinaus.

Abhaspeln

Versprecher, die wie Kinderbuchmonster klingen. Unterhold, Hingert und Tracktrottoir. Versprecher sind wie Stolpersteine, man strauchelt und spuckt hastig polternd ein paar Wörter hinterher, bis man allmählich wieder in seinen üblichen melodischen Rhythmus zurückfällt.

Aufknöpfen
Die hustende Frau ihre orangene Fleecejacke. Ein leises, helles Klacken von sich lösenden Druckknöpfen.

Anstehen

An der Bar, die eine kleine Holzhütte ist. Auf dem Tresen stehen aufgefächerte Salzstangen in Riffelgläsern. Es gibt Laternen und Weißwein in Teelichtgläsern.

Abwarten

Vor der Toilette. Derweil Halbreise auf der Stelle gehen, die Tasche von einer Armbeuge in die andere wechseln, dann doch quer über die Schulter hängen. Zitate auf Postkarten und Plakattexte querlesen.

Anlehnen

Gemeinsam mit M mit dem Rücken zur Heizung. Die Handflächen gegen die lauwarme, gewellte Oberfläche drücken. Gedanken abschweifen lassen zu warmen Sommertagen und zu dem, was wir nicht so gut fanden, weil man darüber besser reden kann, und zu ½ Teller Schinkennudeln mit Ketchup, der zu Hause auf mich wartet.

Aufbrechen

Und mit der Handytaschenlampe das Fahrradschloss beleuchten, die schmalen Rädchen drehen, bis es aufgeht, dann das Fahrradschloss wie eine Kette um den Hals hängen. Es regnet nicht mehr.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Sven Regener
Johanna Johnen

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Das wird kein guter Abend werden, da ist sich Erwin sicher. Mutterseelenallein steht er vor einem neuartigen Klotzbau am Hannoveraner Hbf, umgeben von rauchenden und biertrinkenden Mittdreißigern, die, obwohl 10 Jahre jünger als er, 10 mal spießiger gekleidet sind.

Hier soll sein alter Kumpel heute lesen? Sven Regener und Erwin haben sich 1985 beim Studium in Westberlin kennengelernt – er Germanistik, Sven Musikwissenschaften. Einen Hörsaal von innen haben Beide selten gesehen, meistens schlugen sie zusammen die Zeit in Cafeterien tot.

Neulich hat Erwin mit seiner sehr jungen, sehr schwangeren Freundin Helga am Frühstückstisch gesessen und Zeitung gelesen. „Sag mal, seit wann schreibt der Sven eigentlich Bücher? Hier steht der hat grad ein neues raus gebracht: „Wiener Straße“ heißt das. Also, damals als wir zusammen um die Häuser gezogen sind, war der Musiker. Einmal da…“

Helga hat einen entzückten Japser ausgestoßen und ihm die Zeitung aus der Hand gerissen: „Du kennst Sven Regener?! Ich bin ein RIESENFAN. Ich hab alles von dem gelesen; „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“, „Der kleine Bruder“… und du kennst den persönlich?! Lass uns unbedingt zur Lesung gehen! Ich würd so gern mal einen alten Kumpel von dir kennen lernen! “

Erwin wollte entgegnen, dass als Svens Band „Element of Crime“  aus dem Sebstverwirklichungsimprovisationstheater der 80er auf die deutschlandweite Bühne gefischt wurde, auch irgendwie der Kontakt abgebrochen ist, nicht weil er dem Freund das Rampenlicht nicht gegönnt habe, er ist nur selber irgendwie am idealistischen Hippietum und an Kreuzberg kleben geblieben.

Aber Helga hatte schon Zeitung gegen Tablet getauscht und mit ein paar Wischbewegungen Karten, DB Tickets und Hotel in Hannover gebucht, weil die Veranstaltung in Berlin bereits ausverkauft war.

Im ICE schmiegt sich allerdings nicht seine Helga an ihn, sondern der rechte Busen einer schnarchenden, amerikanischen Touristin, denn Helga hat seit zwei Tagen „Übungswehen“, laut Arzt nicht ungewöhnlich im 5. Monat , aber das Bett hüten soll sie trotzdem. Die Reise nicht anzutreten hatte außer Frage gestanden, das verbot ihm nicht nur Helga vehement – „wenn ich nicht selbst gehen kann“, hatte sie ihn beschworen und dabei so dramatisch die Tasse in ihrer Hand geschwenkt, dass der halbe Kamillentee aufs Laken getropft war, „dann musst du es an meiner Stelle tun!“ –  sondern auch sein verdammter Geiz, zudem H.R. Ledigt und Karl Schmidt,die zwar bei ihm im Café Einfall arbeiten, eigentlich aber Extremkünstler sind, hatten ihm das freigewordene Ticket nicht abkaufen wollen. Das sei keine richtige Kunst so eine Lesung, hatten sie sich hinter der Theke gegenseitig zugeprostet, das sei eventisierter Kommerz, und dazu noch verstaubt und nicht avantgardistisch genug und obwohl er sich verraten gefühlt hatte, verraten von seinen eigenen Mitarbeitern, war er auch ein bisschen stolz auf die beiden Pfeifen gewesen, denn Erwin liebte Künstler im Allgemeinen und die jugendliche Radikalität der beiden im Besonderen.

Vielleicht, überlegt er, während er behutsam seinen Arm unter dem amerikanischen Fleisch hervorzieht, um sein Bahnticket aus seiner Hosentasche in die Hand der Schaffnerin zu befördern, weil ihn selbst in letzter Zeit immer öfter diese konservative Sehnsucht nach Geborgenheit und Ordnung beschleicht.

Im Foyer des Veranstaltungsgebäudes empfängt ihn eine Wolke aus Geplauder und Gelächter, der weitläufige Raum ist vollgestopft, denn auch diese Lesung ist mittlerweile ausverkauft mit sich aus Winterjacken schälenden Durschnittsbürgern. Erwin scannt die Umgebung, an der Bar wird Bier für über 3 Euro verkauft, die Garderobe kostet 1 Euro. Ganz schön happig findet er das, er, der ja selbst Erfolgsgastronom aus Kreuzberg ist, wie er sich manchmal scherzhaft nennt, kommt aber nicht drum rum den Veranstaltern ein gewisses wirtschaftliches Geschick anzuerkennen. 20 Euro je Besucher pro Karte – Helgas Karte hat er glücklicherweise noch vor dem Veranstaltungsgebäude vertickt, zum Originalpreis plus 2 Euro Aufschlag wegen Ausverkauf, dafür klopft er sich jetzt mental ein zweites Mal auf die Schulter, er ist schon ein harter Hund – dann nochmal 3 Euro oder vielleicht eher 6 für Bier, plus 1 Euro um seinen Mantel abzugeben, da kommt Einiges zusammen, denkt sich Erwin. Und die Schlangen an Theke und Garderobe sind lang, auch das entgeht ihm nicht, ganz im Gegensatz zum Büchertisch, an dem vor zwei bebrillten Mauerblümchen stapelweise Sven Regener Romane zum Verkauf ausgebreitet liegen.

Die Lesung findet im Großen Saal statt, der Raum ist dunkel, über 600 Stimmen erfüllen ihn mit einem penetranten Rauschen. Die Bühne ist schwarz, schlicht und groß, im Hintergrund wabern ein gelbes und ein blaues Licht, Bühnentechniker kreuzen den Raum, das Licht wird gedimmt, sein alter Kumpel Sven betritt unter Applaus die Bühne und bleibt hinter einem schwarzen Rednerpult stehen. Gleich zu Beginn lädt er das Publikum ein, natürlich nur wenn es denn wolle, ihn später am Büchertisch zu besuchen, wo er gerne erworbene oder mitgebrachte Bücher signieren wird. Er versteckt den auf Verkaufszahlen bedachten Buisnesstypi hinter einer ordentlichen Schicht flapsig-sympathischem Humor, in Erwins Hals wächst ein Pfropfen aus Fremdscham und Bewunderung, und er muss sich eingestehen, dass im Inneren des Kloßes vielleicht doch ein bisschen Neid eingeschlossen ist.

Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Er stellte den Werkzeugkasten ab, den er für die Pfeifen mitgebracht hatte, denn das waren sie, Pfeifen. Wie bin ich hier nur rein geraten, fragte er sich schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut.

Ha, denkt sich Erwin, genauso habe ich mich den ganzen Tag gefühlt! Und überhaupt empfindet er eine tiefe Verbundenheit mit der Hauptfigur des Romans, und das nicht nur weil sie beide den gleichen Namen tragen.

Nachdem Sven die erste Szene vorgetragen hat, macht er eine kurze Pause und erklärt, warum er nämlich nicht vorhat, obwohl manch einer sich das ja sicher wünschen würde, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ausschnitten zu erläutern, und von diesen drei angeführten Gründen gefällt Erwin der zweite am Besten, Kunst sei ja keine Volkshochschule, sagt der Kerle da oben, und Verständnis würde sowieso allgemein überschätzt werden, und das findet Erwin gut, das erinnert ihn an die durch zechten Nächte voller Kneipenphilosophie, labern konnte der Sven schon mit 24 gut, und Erwin, damals erst blutige 19, hat begeistert zugehört.

Aber noch war er nicht beim alten Eisen, noch war er Erwin Kächele und im besten Mannesalter, er hatte noch einige Pfeile im Köcher, in dieser Zitrone ist noch viel Saft, ging ihm der alberne Kabarettprogrammtitel durch den Kopf, den er neulich auf einem Plakat gesehen hatte, grausam das, so was darf man nicht mal denken, dachte Erwin.

Doch der Sven ist alt geworden, das kann auch das gedimmte Licht nicht vertuschen, Tränensäcke, schütteres Haar – und mit dem verwaschenen Poloshirt und der schwarzen Brille, sieht er kaum noch wie ein Rockmusiker, sondern eher wie ein unterbezahlter  Schreibtischgeist aus. Ein Mann des Volkes scheint er aber geblieben zu sein, Sven bringt die Meute zum Lachen, jede Pointe zündet und Erwin fängt langsam an sich wohl zu fühlen, er taut regelrecht auf und lässt sich anstecken vom Wohlwollen des Publikums diesem Mann gegenüber, der ja auch nur einer von ihnen ist.

Mild stimmt ihn auch die körperliche Präsenz des Lesenden, ihm gefällt der Wechsel zwischen charmant-unbeholfenen Brillenzurechtrücken, dem hastigen Bierschlucken in den Atempausen und den wild fuchtelnden Ausholgesten, die wohl die Dramatik der jeweiligen Situation illustrieren sollen, und manchmal, und in diesen Momenten sind beide wieder in den 20ern und kippen Bier hinter irgendeinem Tresen, hebt Regener den Blick und improvisiert ein paar kurze Sätze, und all das passiert in einem Wahnsinnstempo. Erwin muss auch an H.R. und Karl Schmidt denken, die einmal Feuer gefangen, tagelang für eine Sache lodern, die Realität hinter sich zurück lassen, bis sie ausgebrannt zusammenbrechen, nur um dann ein neues Objekt der Begeisterung zu entdecken. Wann ist er das letzte Mal vor Leidenschaft fast verglüht?

Frank Lehman hatte P.Immel zu Boden gerungen und Karl Schmidt hatte sich oben drauf geworden und Erwin hatte sich auch nicht Lumpen lassen wollen, das war schon ziemlich krank wie sie zu viert über einander lagen.

Die grade vorgetragene Szene lässt Erwin darüber sinnieren, wann es wohl nicht nur innerhalb der Story, sondern auch im Saal zum Eklat kommen wird, denn einen Eklat gibt es immer bei solchen Veranstaltungen, das ist er aus Kreuzberg so gewöhnt, und er fiebert ihm entgegen diesem Eskalationsmoment, und als er auszubleiben droht, flackert eine kurze Flamme des Heimwehs in ihm auf, Heimweh nach H.R. und seinen Motorsägen, bei dem man nie weiß, was er wohl als Nächstes tun wird. Das ist hier anders, muss Erwin zugeben, es ist alles doch sehr durchgeplant und kompakt, es handelt sich um einen soliden Rahmen, der klar abgesteckt ist, hier wird es wohl keinen Polizeieinsatz geben. Und als Sven nach 90 Minuten Lesezeit unter zackigen Bewegungen, erst die Bühne runter steigt und dann souverän zur Zugabe wieder hoch kommt und scherzt, er habe sich auf so einen Fall ja schon vorbereitet, möchte Erwin kurz ein bisschen enttäuscht sein, vielleicht ist das wirklich keine richtige Kunst, grübelt er, aber dann denkt er daran, wie er nach der Vernissage im Artschlag, für das er ja eigentlich nur das Catering machen wollte, beziehungsweise es Frank Lehmann für sich machen lassen wollte, der das natürlich alleine nicht auf die Reihe gekriegt hatte, diese Pfeife, zum Schluss unter Blaulicht und Sirenengeheul Kasse und Wein in Sicherheit gebracht hatte. Und dann ist er auf einmal ganz zufrieden damit, wie sich der Abend entwickelt hat, es ist ein seltener Moment des Friedens, ausnahmsweise ist er  nicht voran geprescht, während die Anderen Scheiße bauten, er hat sich nicht benutzen und in keine grenzwertigen Kunstaktionen einspannen lassen, Erwin fühlt sich, sich selbst sehr treu in diesem Moment, in sich und in diesem eng bestuhlten Saal, nimmt genüsslich noch einen Schluck Bier aus seinem Plastikbecher und schließt sich dem Beifall an, der irgendwo zwischen Euphorie und Verhaltenheit vegetiert. Er spürt ein Vibrieren in sein Hosentasche, fischt das ihm immer suspekt gebliebene Smartphone heraus, es erscheint ein Foto von Helga auf dem Display, die im Bett liegt und eine ungeöffnete Dose Bier auf ihrem dicken, nackten Bauch balanciert. „Wir drei freuen uns auf dich! Bringst du mir ein Exemplar von „Wiener Straße“ mit? Signiert??“, steht drunter. Erwin grinst und will für Helga ein Foto von Sven machen, wie er da oben auf der Bühne herumzappelt, schießt aber versehentlich ein Selfie. Er schickt es trotzdem ab, ächzt ein bisschen als er sich aus dem Stuhl hievt, kurz Eine rauchen, denkt er, dann zum Büchertisch und Sven „Hallo“ sagen.

 

 

05.07.2018
Mehr Augenringe als Glam
Yvonne Schmidt

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Zur Lesung von Kevin Kuhn und Mariana Leky bin ich wieder hier, in der St. Jakobi-Kirche in Hildesheim. Vier Jahre sind vergangen – seit dem Prosanova 2014. Damals warst du noch nicht, was du jetzt bist. Ein Nicht-Ort, ohne Bestimmung? Oder mit einer Bestimmung, der du heutzutage nur noch schwerlich gerecht werden kannst. St. Jakobi, einst Pilgerkirche, heute Literaturhaus. Woran der Mensch so glaubt, das hat sich geändert. Die gleichen Werte in neuem Gewand vielleicht. Doch darum soll es hier nicht gehen.

2014 war das Jahr der Wiederbelebung. Es sollte intensiv werden, bunt und schrill. Konfetti halt. Junge AutorInnen sollten Einzug halten und es sollte performt werden, ja, alles drehte sich um junge deutschsprachige Literatur. Der Mikrokosmus der Uni hatte mich dazu bewegt, mitzuwirken. Die Planung des Prosanova 2014 lief bereits seit einem Jahr und auch ein Seminar und eine Übung sollten uns auf das große Literatur-Spektakel vorbereiten. So recht konnte ich mir noch nichts unter einem Literatur-Festival vorstellen. Sollte es hier auch so laut und hemmungslos zugehen, wie auf einem Musikfestival – würden die Leute ausrasten, grölen, wenn ihr(e) LieblingsautorIn auf der Bühne steht? Würde denn auf den Aftershow-Partys auch so heftig gesoffen und wild geknutscht? Was würde mich erwarten? Recht schnell war klar, dass das Ganze ein großes Unternehmen war – nur mit geballter Frauen- und Manneskraft wäre dies zu schaffen. Bis heute begeistert mich die Hingabe für die Sache, für die Literatur und für die Community. Über fünfzig Studierende stellten etwas auf die Beine, das nicht den Gewohnheiten entsprach. Nicht alles war realisierbar, dennoch. Es wurden so viele Räume liebevoll gestaltet, in Eigenarbeit, stundenlang, es bildeten sich Cliquen und Freundschaften. Es gab verschiedene Ressorts in denen gearbeitet wurde. Manche waren fürs Marketing verantwortlich oder für die Finanzen. Es wurde gebastelt, geklebt, laminiert, plakatiert, gehämmert und gefaltet. Der Austragungsort sollte vorwiegend die leerstehende Hauptschule am Alten Markt sein, stadtnah. Die St. Jakobi-Kirche war von dort aus fußläufig gut zu erreichen.

Eine starke Erinnerung verbinde ich mit dem „White Cube“. Dieser war einer meiner liebsten Räume, auch wenn ich nicht im Ressort „Raum“ war, so machte es mir Freude beim Zimmern und Bauen zu helfen und zu sehen wie sich das ehemalige Klassenzimmer in etwas Höhlenartiges verwandelt. Ein intimer Raum, in dem später die Stimmen der AutorInnen aus dem benachbarten, verdunkelten Zimmer zu hören sein sollten. Das größte Vorhaben war die „Aktion Teppichverlegen“ in der Turnhalle der ehemaligen Hauptschule. Kurz vor Beginn des Festivals wurden Dutzende Teppiche in die Turnhalle geschleppt und verlegt. Es gab zwei Schichten, eine Nachtschicht und Eine am Morgen darauf. Ich war froh, dass ich zur zweiten Schicht gehörte. War die Erste doch bereits so ambitioniert gewesen, dass wir nur noch Ausbesserungen vornahmen und kleine Löcher mit Teppichresten stopften. Dies schafft man nur mit Passion. Doch neben der ganzen Hektik gab es auch ruhige und verbindende Momente, wie die tägliche Zusammenkunft beim Essen. Jeden Tag wurde von einem Kochteam frisch gekocht und gemeinsam gegen Spende gespeist. Das wertete einen anstrengenden Tag auf und verband, insbesondere, wenn man den ganzen Tag zerstreut in seinen Ressorts vor sich hin werkelte.  Überall lief Musik und man spürte schon die Aufbruchsstimmung. Während der Arbeit vor Ort, der Hauptschule, welche zum Literaturschauplatz werden sollte, nahm das Konzept Gestalt an. Der Schulhof wurde zur Literaturinsel, die Turnhalle zum Ort einer Theaterperformance, es gab ein Literaturcafé und weitere Nischen und Orte der Literatur-Performance. Insgesamt dreißig Veranstaltungen an vier Festivaltagen. Im Vordergrund stand immer das Konzept und das Schaffen neuer Lesungsformate. Ein Spielraum. Hier konnte sich jeder austoben. Neben der Verwandlung der Hauptschule in einen Literaturschauplatz, sollte auch die St. Jakobikirche eingeweiht werden, als Literaturhaus. Dort sollte Leif Randt die Ehre haben einen vergessenen Ort, nach so langer Zeit, zu bespielen und zum Leben zu erwecken. Auf diesen Moment fieberte ich hin. Was würde sich dort ereignen und zutragen? Doch dazu später mehr. Vor Beginn mussten auch noch alle T-Shirts für die Crew bedruckt werden. Zusammen mit Diana und Paula versah ich ca. 60 T-Shirts mit dem Prosanova-Logo in der Siebdruckwerkstatt der Uni Hildesheim. Auch hier stießen wir auf Verständnis, wenn wir mal eben 60 T-Shirts bedrucken wollten und erhielten eine kurze Einweisung, da wir zuvor noch nie mit Siebdruck gearbeitet hatten. Doch so gestaltete sich das Prosanova zu einem großen Teil: learning-by-doing.

Ein bewegender Moment war auch meine erste Kassenschicht, bei der Eröffnung des Festivals. Allein zu sehen wer alles vor der Türe steht. Lange Schlangen bildeten sich und einige Dozenten warteten dort gelassen auf ihr Festivalband. Es stellte sich auch bei mir eine Zufriedenheit ein, als ich in die entspannten Gesichter blickte. Überraschende Momente gab es immer wieder mit den Hildesheimer BürgerInnen, welche neugierig fragten, was das denn für eine Veranstaltung sei und dass sie bisher noch nie etwas von einem Literaturfestival in Hildesheim gehört hatten. Darauf zielten unsere Marketingaktionen, unter anderem auch ab, mehr Sichtbarkeit, insbesondere für die Hildesheimer BürgerInnen. Ins Gespräch zu kommen war immer eine große Freude gewesen. Ob alles nach Plan lief? Sicherlich nicht, mal gab es ´ne kleine Verzögerung und ja, vielleicht war der Ton auf einer „Lesung“ auch mal nicht ganz so wie er sein sollte. Aber was soll´s. Die meisten Veranstaltungen, bei denen ich mithelfen durfte, waren sehr gut besucht, mal mussten auch Besucher vor der Türe verweilen, wenn es kleinere Räume waren. Die Stimmung war je nach Tageszeit und Veranstaltung mal unaufgeregt oder ausgelassen. „Die Fight-Night: Nolte versus Decar: Kampf und Lesung“, so lautete die Ankündigung im Flyer. Doch was wurde versprochen und wurde es eingelöst? Ein verbales Battle. Man hätte einen Boxring oder eine Arena erwarten können. Doch war letztlich, aufgrund finanzieller Mittel, keine allzu große räumliche Inszenierung möglich, dafür gab es eine Leinwand und Laptops und es wurde multimedial. Der Schlagabtausch der beiden Szenischen Schreiber war unkonventionell und untypisch für eine Lesung. Auf übliche Gepflogenheiten wurde keinen Wert gelegt. Die Darbietung hatte etwas Unverkrampftes, dennoch mit einer gewissen Attitüde. Sicherlich sie hatten Biss und eine Selbstsicherheit, die man für die Bühne und einen Auftritt braucht. Ein eingespieltes Team, welches sich gewollt anders inszeniert. Rückblickend erinnert es an satirische Formate aus dem Fernsehen. Skurrile Fundstücke aus der Welt der Literatur wurden vorgetragen. Ein Video persiflierte die Arbeit der LektorInnen. Es wurde geraucht. Sie schienen geübt in einer spontanen Performance, als bräuchten sie keine großartigen Vorbereitungen für solch einen Abend. Eine Art antrainierter Souveränität und Spontanität, mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus.

Viele der ZuschauerInnen lagen auf dem weichen Teppich in der Turnhalle und hörten im Liegen zu. Die Beiden luden geradezu dazu ein, alles etwas lockerer zu nehmen. Sie selbst schienen Spaß zu haben, bei dem was sie dort oben trieben, ein Zwiegespräch, das auch zu später Stunde an einem Küchentisch hätte stattfinden können. Klar, alles Show und Performance könnte man sagen und doch auch irgendwie unkompliziert und vertraut. Ich beobachtete die Tür und sah zu, dass die Veranstaltung nicht zu voll werden würde und ich denke das ständige Öffnen der Tür, hat auch nur mich gestört. Später machte auch ich es mir bequem und gönnte mir eine kleine Auszeit.

Die meisten kamen wohl wegen der bekannten Namen. Viele der Großen aus der jungen deutschsprachigen Literatur waren da. Aber da war noch mehr; es war unprätentiös, es wurde gelacht, diskutiert, aber auch viel investiert, wenig geschlafen und durchgehalten. Meist half „der Mexikaner“ dabei, wenn eine Schicht dann doch mal länger dauern sollte als gedacht und sich der Einlass verzögern sollte. Meinen Lieblingsautoren habe ich dann allerdings doch nicht gesehen, obwohl er als Erster in den heiligen Hallen sollte. Mein nicht allzu kluger Gedanke war, als ich ihn im Programmheft entdeckte, „dann werde ich doch mal Lesungspatin und helfe beim Aufbau, trage meinetwegen auch die Schnittchen rein oder was sonst noch so nötig sein sollte, um dich an diesem Abend bei der Sneak-Preview zu sehen.“ Denn sonst bekam ich kaum die Möglichkeit überhaupt bei einer Veranstaltung länger als 10 min. dabei zu sein. Die Performance-Lesung von G 13 hatte ich bereits verpasst und so kam ich auf diese Idee. Und dann, dann bekomme ich so eine ganz, ja gaaaaaanz wichtige Aufgabe kurz vorher zugeteilt, nämlich Spots zu bedienen, denn klar, wenn man schon in so einer Kirche liest, dann kommt es bestimmt super an, wenn man an einer bestimmten Textstelle (welche auch immer, das weiß ich bis heute nicht) die Kirchenfenster hinter sich erstrahlen lässt, für gefühlte 8 Sekunden. Oh ja und wie ich mich über diese ehrenwerte Aufgabe gefreut habe. Aber klar doch, für dich lasse ich, wenn auch nur kurz, die Jakobikirche erstrahlen. Ich hoffe im Nachhinein, dass auch alle dieses Zusammenspiel von Licht und Text nicht nur gesehen, sondern erfahren haben. Leider ist dem nicht so, wie ich später von Kommilitoninnen zurückgemeldet bekomme. Ich bin aufgeregt danach, zuvor irgendwie weniger, muss ich ja hinter der Kirche ausharren, auf Karls Zeichen warten, er ruft mich extra an, damit ich weiß, wann ich die Regler zu betätigen habe. Ich schiebe die Regler der Spots mit aller Vorsicht und Bedacht nach oben. Die hohen gotischen Fenster sollen ja sanft erstrahlen und dann nach einigen Sekunden wieder verblassen. Kaum zu glauben, dass dies mein nachhaltigstes Erlebnis von Prosanova 2014 werden sollte, das Nicht-Sehen von Leif Randt und Nicht-Hören von Planet Magnon. Jetzt denke ich mir, vielleicht sollte ich doch kontinuierlicher schreiben und schön wäre es, wenn du dann eine Raumschiffnachbildung (á la Kampfstern Galactica) zum Leuchten bringen würdest, auf meiner Lesung. Denn klar ist, es sollte ein Sciencefiction-Roman werden, vielleicht einer Space Opera ähnlich. Zumindest scheint mir der Weg seither dafür geebnet. Auch wenn das Unternehmen wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Seit diesem Abend ist St. Jakobi ein besonderer Ort, den ich aus verschiedensten Perspektiven kennenlernen durfte. Im Anschluss an die Lesung wurde ordentlich gefeiert, die Orgel blieb still, doch innerhalb der Kirche gab es dann doch noch ein prächtiges Farbenspiel zu elektronischen Klängen. Auf jeden Fall ein dilettantisch gelungener Abend. Denn spätestens nach der „Big Mama“, so nannte sich der Cocktail, war ich beschwichtigt, mit dem Blick zur bunt wabernden Decke und empfand, dass Literatur hier einen Ort gefunden hatte, an dem sie zur Geltung kommen würde, am Ton könne man ja noch arbeiten.

Der Intendant Dirk Brall betritt die Bühne und kündigt die Gäste des Abends an. Aus heutiger Sicht ist die St. Jakobi-Kirche ein Ort, nicht nur für Literatur und AutorInnen oder Studierende. An diesem Abend erscheint das Publikum altersmäßig heterogen. Deutlich ist auch, dass der Inklusionsgedanke eine Rolle spielt, wenn man in das Programm blickt und Dirk Brall kennenlernen durfte. Die Kirche ist weiterhin für alle Menschen geöffnet ist. Dies schwingt für mich mit, wenn ich in der Literaturkirche sitze und der Stimme von Mariana Leky lausche.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Clemens Meyer im Gespräch mit Simon Roloff (Lesung)
Marie Minkov

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Datum: 9. November 2017
Beginn: 19:30

„Kann ich ein Foto von Ihnen machen?“, begrüßt mich der Fotograf von PUBLIC am Eingang, der dort lauert und Besucher wie mich abfängt, die zu schwach sind, nein zu sagen. Ich posiere unbeholfen. Als N an mir vorbeiläuft, winke ich ihn zu mir ran und zische: „Komm mal kurz“, bloß damit ich vor der Kamera nicht so allein bin. N sieht mich gequält an, lässt es aber über sich ergehen, als der Fotograf Fotos von uns macht und dann mit der Begründung Sponsoring, 20 Jahre Jubiläum unsere Vor- und Nachnamen wissen will.

Auf dem Weg in den Hauptraum merke ich, dass N immer noch neben mir ist. „In was ziehst du mich hier rein?“, fragt er und ich entschuldige mich, sage ihm, dass ich normalerweise nicht so bin. An der Bar fragt er nach Weißwein und ich frage nach Rotwein. Die Fragen kommen so unmittelbar nacheinander, dass die Barkeeperin denkt, wir wollen zusammen bezahlen, was irgendwie peinlich ist, weil N und ich uns gar nicht richtig kennen. Mit seinem Wein geht er rauchen und mit meinem Wein setze ich mich alleine in die hinterste linke Reihe, der Sitz ganz rechts und zähle die Stühle. 8×7 Stuhlreihen links, 6×9 Stuhlreihen rechts. Die meisten Besucher schätze ich auf über fünfzig, der kleine Rest besteht aus Literaturstudierenden. Auf den Stühlen liegen Flyer.

Während ich meinen Wein trinke, betrachte ich die Bühne vor mir, die mit ihrer neuen Fassade moderner wirkt als vor den Ferien. Vor der großen schwarzen Holzwand, an der sich Efeu empor hangelt, steht ein Tisch, darauf zwei Mikrofone, eine Wasserflasche und Gläser, dahinter zwei Stühle. Von irgendwo kommt Baulärm. Ein Glas zerbricht um kurz vor halb und ich höre einen Krankenwagen, der wahrscheinlich ein paar Straßen weiter ist, aber ich bin gerade unnatürlich aufmerksam, lausche, schreibe in mein Heft, nur um beschäftigt auszusehen. Mein Wein ist jetzt halbleer. Die Frau neben mir zitiert den Satz auf dem Flyer: „Es war Herbst, und die letzten Schausteller zogen über die Dörfer und in die Stadt“ und fügt dann unbeeindruckt hinzu: „Ja, und?“ Der Platz neben mir ist noch frei. Als ich aufsehe, entdecke ich P, der in der Tür steht, und hoffe, dass er sich nicht neben mich setzt. Er sieht mich nicht. Es sind weniger Studierende hier als gewöhnlich oder vielleicht wirkt es nur so, weil so viele anderen Menschen da sind. Das Licht geht aus und jetzt ist es irgendwie spannend. Jemand, der Dirk heißt, steht auf der Bühne und kündigt Clemens Meyer an, schwärmt, erzählt, dass er ein neues Buch hat, dass er die Stadt bei Nacht beleuchtet, dass er Preise gewonnen hat, dass er in Halle geboren ist und in Leipzig wohnt. Endlich kommen Simon Rolloff und Clemens Meyer in den Raum. Sie tragen dunkle Anzüge, steigen auf die Bühne und setzen sich an den Tisch.

Das erste, was ich von Clemens höre, ist sein Husten, während Simon das Gespräch einleitet. Clemens nuschelt und lispelt ein bisschen und ist mir dadurch glaube ich sympathisch. Man spürt seine Fan Base, wenn er etwas semi-witziges sagt und das Publikum lacht. Simon nennt Clemens nicht Clemens und auch nicht Herrn Meyer sondern immer Clemens Meyer. Das mache ich jetzt auch so. Er fragt, ob Clemens Meyer zwischen seinem alten und seinem neuen Schreiben einen Bruch sieht und Clemens Meyer sagt nein, es ist eher eine Entwicklung, kein Bruch. Dann geht es um Erzählbände und Kurzgeschichten und ich kann nicht ganz folgen, weil ich gerade noch einen Satz zu Ende schreibe. Die Frau neben mir tippt in ihr Handy. Ich denke an meinen Wein. Clemens Meyer erzählt von seiner Herangehensweise, dass er immer nur an einem einzigen Projekt arbeitet und nicht wie andere mehrere Schubladen hat, was ich ziemlich abgefahren finde. Er sagt: „Ich gehe das ganz anders an als andere“ und klingt dabei ein bisschen überheblich auf eine angenehme Art. Sein Erzählband Die stillen Trabanten, aus dem er heute vorliest, beinhaltet drei Kurzgeschichten.

Sein Dialekt, der immer bei Wörtern wie traurisch und Geschischte durchkommt, löst sich beinahe auf, als er beginnt, vorzulesen. Seine Stimme ist professionell, einstudiert wie ein Hörbuch. Die Frau neben mir tippt weiter in ihr Handy und das Leuchten zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. „Ich sitze in einer Dichterlesung“, tippt sie, schickt die Nachricht ab. Ich glaube, etwas stört mich an den Sätzen von Clemens Meyer aber ich höre nicht auf das Gefühl, nehme meine Kritikfähigkeit gerade nicht zu ernst, weil ich ohnehin zu sehr versuche, mir eine Meinung zu bilden. Ich sehe mir lieber das Publikum an, das immer lacht, wenn Clemens Meyer für einen einzigen Satz aus seiner Blase aus trister Traurigkeit herausschlüpft und etwas Witziges sagt. Das Lachen des Publikums ist laut, so als wollte jeder unbedingt gehört werden, ein Lachen, das nur Prominenz von einem erhält oder Menschen, in die man verliebt ist. Ich bin nicht sonderlich in Clemens Meyer verliebt, dennoch sehe ich ihn ein wenig ehrfürchtig an, weil man seine Bücher auf Amazon kaufen kann.

Ich bin unkonzentriert, bis Simon wieder Fragen stellt, diesmal geht es um den Inhalt, um die Durchgangsorte, die Clemens Meyer anspricht, Orte zwischen Orten, dort finden sich Figuren. Als er sagt: „Scheinbar passiert nichts, aber wenn man genau hinsieht, merkt man, dass da doch was passiert, ohne dass ich das richtig benannt habe“, muss ich doch die Augen verdrehen und hoffe, niemals so über meine Texte reden zu müssen. Simon lacht manchmal nervös, immer dann, wenn er eine Frage stellt, von der er selbst nicht so ganz überzeugt ist, so als könnte ein Lachen sie wieder gut machen. Ich versuche wieder die Stuhlreihen zu zählen, aber durch die nachträglich etwas schräg dazugestellten Stühle und die auf dem Boden sitzenden Studierenden kann ich nicht mehr sagen, wo eine Reihe aufhört und wo sie beginnt. Clemens Meyer glaubt, dass Steine ein Gedächtnis haben und ein Mensch nicht ganz tot ist, bis sich niemand (inkl. Steine) an ihn erinnern kann. Er sagt: „Die Realität widert mich oft an“, woraufhin das Publikum in lauten Jubel ausbricht, er sagt, dass ihm die Smartphone-Gesellschaft im Bezug auf Literatur Angst macht, und dass er mit anderen Menschen in seinem Studium nicht so gut zurechtkam.

Dann ist es vorbei. Simon schüttelt Clemens Meyer die Hand, das Publikum bebt, so wie ich es hier noch nie erlebt habe. War ich gerade Zeuge von etwas Großem? Ich leere mein Glas, stelle es auf den Tresen, verabschiede mich flüchtig von bekannten Gesichtern. Draußen treffe ich zwischen Wintermänteln und Zigarettenqualm auf E, die mich fragt, wie ich die Lesung fand. Ich möchte nicht so richtig antworten, habe eigentlich keine Meinung und deute bloß an, dass ich alles mitgeschrieben habe. Daraufhin sieht sie mich verständnisvoll an und sagt: „Das kenne ich, wenn es einem so gut gefällt, dass man jedes Wort mitschreibt, um nichts zu verlieren.“ Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder und hoffe, dass die PUBLIC keine Fotos von mir veröffentlicht.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Beschreibung der Lesung von Stefanie Sargnagel in Klagenfurt
Sophie Blomen

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

14.16h      Ich habe mich längere Zeit auf diesen Text vorbereitet. Ich habe alles von Stefanie Sargnagel gelesen, was ich finden konnte. Ich habe sie verschlungen. Ich habe Bücher gekauft. Ich folge ihrem facebook feed kontinuierlich. Ich like alle ihre Posts auf Instagram. Ich bin nun offizieller Stefanie Sargnagel Fan.

14.18h     Stefanie Sprengnagel Sargnagel Stefanie Stefanie Stefanie: wie viele andere vor mir, habe auch ich nun erkannt, ich finde sie toll! Zukunftsweisend! Witzig! Relatable!

14.19h      Heute ist er: Der Stefanie Sargnagel-Day. Herzlich Willkommen.

14.21h      Ich liege mega chillig im Bett, neben mir eine Kanne Tee und eine Tasse, deren Henkel der Kopf eines Dalmatiners ist. Süß. Ich trage Kopfhörer, weil der Freund meiner Mutter zu brasilianischem Pop im Wohnzimmer bügelt.

14.24h      Habe so viel Sargnagel konsumiert, ich kann nur noch wie sie schreiben.

14.25h      🙁

14.26h      Auch schön. Denn sie schreibt so gut.

14.29h      Gleich geht’s lohosss, Stefanie Sargnagel Time, here I come!

14.29h      Ich schaue noch eine Folge easy. Auf Netflix. Hehehehehe

14.47h      Es geht um eine mega connectete neighbourhood und auf der Suche nach einem package thief werden sie aber ultra paranoid. Also die neighbourhood.

14.56h      Habe bei meiner ausführlichen Sargnagel Recherche unter Anderem gelesen, dass sie ihr rotes Barret privat gar nicht mehr gern trägt und in der Öffentlichkeit nur noch, weil es beknackt wäre damit aufzuhören, jetzt wo sich das einmal etabliert hat

15.13h      Ich glaube eigentlich schon, dass ich ganz gut schreiben kann, nur die Disziplin macht mir zu schaffen.

15.17h      Lese auch die ganze Zeit Artikel über Hysteria und feiere es total.

15.37h      In der „side hustle“ Folge von easy sieht eine der Schauspielerinnen aus wie Lady Gaga. Oder Gwen Stefani. Je nachdem. Stefani, Stefani! Stefanie ich komme!

15.40h      Habe nun herausgefunden, dass die Stefanie Schauspielerin Karley Sciortino ist, die Autorin von slutever.com. Ein eigener Star also.

15.41        Langsam aber sicher könnte man diesen Text wohl als einen feministischen beschreiben (*juhu*).

15.41h      Hier bügeln sogar Männer!

15.42h      ¯\_(ツ)_/¯

15.43h      Habe den youtube Link von Stefanie Sargnagels Lesung ihres Textes „Penne vom Kika“ auf dem Bachmann Preis 2016 aufgerufen. Auf der Seite werden mir viele andere Sargnagel Videos vorgeschlagen. Die kenn ich natürlich alle schon.

15.45h      Ausser „It-Girl Stefanie Sargnagel“. Uh. Klickklickklickklickklick

15.52h      Gleich danach wird mir „Feminismus und Ronja von Rönne“ empfohlen.

15.52h      Und dann Narzismus als Störung. Heheheehehehe

15:52h      Das Bachmann Video hat 19.440 Aufrufe, 94 Daumen nach oben und 21 Daumen nach unten. Was ist mit den anderen 19.325 Viewern? Wo ist deren Meinung abgeblieben?

15.56h      Das Video wurde hochgeladen von IchLiebeDieseWelt. Wie fast alle Stefanie Sargnagel Videos auf Youtube.

15.58h      Hannes8 hasst Stefanie Sargnagel. Literatur ist eben kein Stream of consciousness scheiss, fluchfluch. IchLiebeDieseWelt sieht das anders: Alles ist Literatur. Alles ist Kunst.

16.05h      Yummy, Cornflakes

16.17h      Memo an mich: das ist hier ist kein Twitter Account!

Das Video startet und der Saal ist dunkel und Stefanie Sargnagel wird angekündigt und ein Spot über ihr und ihrem kleinen Lesetisch an dem sie sitzt geht an und der Raum wirkt völlig trichterförmig, weil alles in ihm auf Sargnagel zuzulaufen scheint. Dann geht auch die Restbeleuchtung an und zu den Seiten von Sargnagel sieht man das Publikum sitzen, viele eher alte Leute, oder Leute mittleren Alters, aber irgendwie auf jedenfall eher älter als Sargnagel selbst. Gegenüber von Sargnagel sitzt die Jury in einem Halbkreis und alle haben Sprudelgläser um beim Bewerten keine trockenen Münder zu haben und ausserdem haben alle Sargnagels Text um mitlesen zu können, also auch die Leute aus dem Publikum. Auf dem Boden, zwischen Sargnagel und der Jury, sind Buchstaben projiziert und die Buchstaben tanzen, voller Vorfreude. Hinter Sargnagel ist ein kleiner blauer Screen und die Silouhette von Ingeborg Bachmann und Sargnagel fängt an zu lesen, sie sagt „Aaaahm, Penne vom Kika“ und dann geht’s los, mit dem Vorlesen vom Text.
Sargnagel trägt ihr rotes Baret, wie immer, ihr Markenzeichen.. Ausserdem ein Blumenkleid, oder Shirt und edle Ohrringe, entweder Perlen oder Diamanten, ich kann es nicht perfekt erkennen. Sargnagel hat kein Wasserglas neben sich stehen, vermutlich aus Gründen der Zeitgenössigkeit. Der Tisch ist ein Highlight wie ich finde, er ist aus vielen großen, Papierblättern nach empfundenen Plastikplatten aufeinandergebaut, so als würde die Autorin an einem riesigen Stapel Blätter sitzen, ein echter Schreiberlingstisch also.

Die Buchstaben am Boden haben aufgehört zu Tanzen, sie haben sich jetzt sortiert und bilden den Text den Sargnagel liest. Manchmal hält Sargnagel ihren Text mit beiden Händen fest und manchmal stützt sie ihr Gesicht auf ihrer Faust ab. Dann sieht es ein wenig so aus, als würde sie im Tisch versinken oder in ihrem Arm und es passt gut, denn ich bin die österreichische Aussprache nicht gewöhnt und finde sie auch so breit wie alle anderen sie beschreiben und auch so als würde man darin versinken. Wenn Sargnagel ihre zerknickten Seiten umblättert machen das alle anderen im Publikum auch und manchen Leute legen den Text dann aber auch weg, zur Seite oder unter den Stuhl und hören nur noch zu. Manche schließen die Augen und manche lächeln erfreut und wieder andere schauen ernst oder unzufrieden.

18.09h      Peinlich. Grade kam der Freund meiner Mutter rein, um mir ein Brot mit Olivenpastete und Tomate anzubieten. Seit Stunden gebe ich schon vor, seriöse Universitäts-Arbeiten zu erledigen, obwohl ich ja hauptsächlich im Bett fläze und easy schaue. Das ist jetzt unangenehmerweise aufgeflogen.

18.14h      Ich finde demütigender geht es wirklich kaum. Wenn Menschen, zu denen man eine höfliche, aber coole Distanziertheit wahren möchte, einen in Situationen erwischen, in denen man offensichtlich als niedere Kreatur zu erkennen ist.

18.21h      Gehe jetzt duschen. Schäme mich so.

28.12.17
16.18h      Kann man Milch noch trinken wenn sie geronnen ist? Ist es dann Sahne?

17.56h      Habe grade alles neu geschrieben. Das hier ist die zweite Version. Habe die original Datei vergessen zu speichern. Bekloppt. Wollte so tun als würde ich einen Live Moment kreieren. Weil ich schon nicht auf einer echte Lesung bin und keine echte Performance beschreibe, dachte ich, beschreibe ich wenigstens mein echtes Sein. Damit irgendwas hier Text Performance ist. Jetzt ist aber doch alles fake. Ätsch.

An manchen besonders lebhaften oder „frechen“ Textstellen gestikuliert Sargnagel auch. Macht Sachen nach. Tut so, als würde sie wirklich eine SMS schreiben, wenn sie darüber liest. Oder schaut keck ins Publikum, während sie darüber liest, dass sie sich ein langes Haar aus der Arschritze zieht. Ich find Stefanie Sargnael wirklich cool, aber sobald sie zu ihren Texten performt oder sich dazu verhält, also zum Beispiel verschmitzt lächelt, find ich es ganz unangenehm, obwohl ich ja vor meinem Laptop sitze und die Distanz größer nicht sein könnte. Aber ich check nicht richtig wie man das live lässig vortragen kann, ohne peinlich zu sein. Da kann Stefanie Sargnagel ja auch nichts für. Und im Publikum findet das glaube ich auch keiner. Die meisten lachen erfreut auf, wenn sie beschreibt und spielt, dass sie die Organe einer fremden Frau im Bus abtastet.


Es gibt viele verschiedene Kamera Perspektiven. Von vorne unten, von vorne hinten, von hinten unten, von hinten oben und auch von ganz nah dran. Oft wird im Video mit Zoom gearbeitet. Meistens sogar. Langsames heran fahren, langsames heraus fahren. Die Buchstaben ganz nah, die Buchstaben ganz weit weg. Am liebsten mag ich, die ganze Szenerie von oben und eher hinter Stefanie Sargnagel. Also man sieht sie von oben, mit dem kleinen roten Hut und vor ihr liegen die Buchstaben, bzw. ihr Text und davor sind die Jurylinge und hören zu. Es ist angenehm, weil einerseits wirkt die Jury wie ein Pubikum und nicht wie die Chefs und andererseits kann ich Sargnagels Mimik und Gestik nicht sehen und muss nicht peinlich berührt sein. Ich höre nur ihre Stimmte und die finde ich angenehm, denn sie betont jeden Satz gleich und wegen dem Dialekt fühlt es sich an als würde Massage-Öl mit Karamell Duft irgendwo langlaufen.

20.30h      Der Freund meiner Mutter kommt herein und macht wilde Gestiken, dass ich nun mit ihm essen könnte. Er möchte mich nicht unterbrechen, weil er immer noch denkt, ich arbeite an einer schwierigen Hausarbeit. Dabei schaue ich immer wenn ich einen Absatz geschrieben habe, zur Belohnung, eine Folge House of Cards.

21.19h      Habe zum Nachtisch eine Mozartkugel gegessen. ÖSTERREICH HAT SO VIEL GUTES HERVORGEBRACHT!

Der Text der Lesung steigert sich. Sargnagel liest über ein Treffen mit ihrer Freundin Mercedes, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat. Die Gestik und Mimik von Sarnagel ist zu ihrem bisherigen Höhepunkt gekommen. Ich finde es jetzt auch doch witzig. Zu viel geht dann doch immer. Auch die alten Frauen im Publikum schauen super zufrieden aus und eine ganz ernste, ganz dünne Frau lacht beherzt auf, als Sargnagel die Bachmann Veranstaltung in ihrem Text erwähnt und „disst“. Sonst bleibt nun alles beim Alten. Nichts passiert im Raum, einige Jury Mitglieder haben nicht nur ein Wasserglas sondern sogar zwei. Sargnagel liest behäbig weiter und verstellt manchmal die Stimme um Dialogen mehr Leben einzuhauchen. Wedelt mit den Armen um so zu tun, als würde sie wirklich ein Bier bestellen, oder nach einer Zigarette fragen und nicht nur davon lesen. Ich finde sie mittlerweile einhundert prozent sympathisch, ich glaube sie könnte nun alles tun. Sie ist wie ein großes und nettes und kluges, warmes Stück Butter das vorliest. Am Ende klatschen alle und aus der Vogelperspektive kann ich sehen, wie aufgeregte Männer mit Kameras herumrennen und Leute ihre Brillen wieder anziehen. Stefanie Butterbier Sargnagel lächelt und lehnt sich zurück.

22.23h      Jetzt ein Toast mit Leberwurst 🙂

22.34h      Jetzt ein Fölgchen House of Cards

23.56h      Habe Hoffnun’ von Puneh Ansari auf Amazon bestellt. Internet Literatur for ever. Bin total im Fieber.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Theater feat. Kreatives Schreiben
Laura Zielinski

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Die Nachtbar am Theater für Niedersachsen ist eine Late Night-Veranstaltungsreihe die jede Spielzeit von einem Team aus (meist Theater-) Studierenden der Universität Hildesheim gestaltet wird. In der vergangenen Spielzeit 2016/17 habe ich, gemeinsam mit meiner Kommilitonin Berit dieses Format geleitet bzw. kuratiert. Der Plan war, unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen und Themen zu „featuren“ und das in einen installativen Abend zu übersetzen, an dem die Zuschauenden partizipieren, sich aber selbstbestimmt bewegen können, ohne fremdbestimmt zu sein. Da die Veranstaltungen grundsätzlich erst um 23 Uhr beginnen und das Programm auf circa eine Stunde beschränkt ist, war es uns besonders wichtig, niedrigschwellige Abende zu gestalten, die Spaß machen. Die Nachtbar ist ein experimentelles Format, das eher von Spontanität und Provisorien lebt als aus einer stringenten Vorbereitung. Dementsprechend chaotisch und improvisiert ist die Konzeptphase vor der Veranstaltung.

Wir haben also Nora Haddada (zu diesem Zeitpunkt im 1. Semester B.A. Kreatives Schreiben) zu einem Kaffee in Berits Wohnzimmer eingeladen und ihr unsere Idee für die nächste Veranstaltung präsentiert. Das war die dritte Nachtbar in der Spielzeit. Fest stand nur das Thema „Nachbarn“, der Ort und der Zeitpunkt der Veranstaltung und dass wir mit Fremdtexten arbeiten wollten. Das genaue Thema, die Form sowie die Länge der Texte haben wir vorher nicht festgelegt. Die Konditionen der Zusammenarbeit wurden in einem Vertrag festgehalten, in dem eine Gage in Höhe von 100€ vereinbart wurde. Die Bearbeitung der Texte und die Inszenierungsideen haben wir während der Konzeption immer wieder mit der Künstlerin abgesprochen. Nora hat uns Texte gegeben, wir haben darauf basierend Raummodelle und Aktionen entworfen, die dann wieder Nora gezeigt, die dann Texte eingekürzt, verlängert, anders aufgeteilt oder einfach nur korrigiert hat.

Am Ende der Konzeptionsphase hatten wir ein Ausstellungs-format erarbeitet, bei dem das ursprüngliche Thema Nachbarn eher zweitrangig wurde und die Texte der Autorin zum ästhetischen und thematischen Ausgangspunkt zum Schreiben, Malen, Sprechen und Hören der Zuschauenden wurden.

Vom Eingang des Foyers aus sieht man geradezu erstmal eine große Bar. Seit dieser dritten Nachtbar von uns kann man da auch Mate kaufen. Seitlich an der Bar ist eine Minibühne aufgebaut, mit einem Tisch drauf, wo später Annegret und Julia auflegen. Auf der rechten Seite ist eine lange Fensterfront mit einem Balkon davor, den man aber nicht betreten darf. Deshalb ist es auch während der einstündigen Präsentation manchmal relativ leer in dem Raum, weil sich so eine begehbare Installation anbietet kurze Rauchpausen zu machen. Berit und ich werden dann immer nervös, dass niemand wiederkommt.

Einige Orte in dem Raum, zum Beispiel die Bar und ein Tisch mit zwei Dosentelefonen sind angeleuchtet, ansonsten ist es eher dunkel.

In einer Ecke des Raumes ist mit langen Moltonstücken ein Raum abgehängt worden. Die Moltonstücke haben bei der letzten Veranstaltung das gesamte Budget gekostet. Sie messen jeweils 2x3m und jede Wand des Raumes braucht drei von denen. Außen an dem Raum hängt ein Schild. „Mein Fernseher hat mir gesagt, du bist ein ganz normaler Nachbar, wenn…“ steht da drauf. Darin sind gegenüber voneinander jeweils zwei Stuhlreihen aufgebaut. In dem Gang zwischen den Stühlen steht eine Tafel und ein Tisch auf dem zwei Hupen liegen – eine ist pink und eine ist schwarz. Der Raum ist mithilfe der Beleuchtung in der Mitte geteilt, was klar macht, dass es irgendwie um zwei Teams geht. Kathrin und Hannes haben Moderationskarten und einen Edding. Alle 10-15 Minuten lassen sie eine neue Gruppe Besucher*innen den Raum betreten, teilen zwei Teams ein, verteilen die Hupen und lesen die Texte auf ihren Moderationskarten vor.

Mein Fernseher hat mir gesagt, du bist ein ganz normaler Nachbar wenn du Videos von deiner Nachbarin drehst, was irgendwie weird ist… Aber sie trotzdem drauf steht. Außerdem verkaufst du ihrem Midlife-Crisis Vater Gras und brennst dann mit seiner Tochter durch, wenn dein Vater davon Wind bekommt

Mein Fernseher hat mir gesagt, du bist ein ganz normaler Nachbar wenn du Nachbar einer Bar bist, in der du dich mit deinen 4 besten Freunden viel zu oft (Alkoholiker-Freunde bieten sich an) betrinkst. Die Geschichten die da entstehen können Grundlage deiner Argumentation sein, wenn du deinen Kindern nach dem Tod ihrer Mutter erklärst, dass du ihre Tante datest.

Im Anschluss raten die Teams welche Film- oder Serien-handlung in dem kurzen Text gemeint ist. Die Gruppe die zuerst ihre Hupe benutzt und richtig rät oder die Antwort weiß, bekommt einen Punkt. Die Notate aus denen dieser Text besteht, sind eine Sammlung von Film- und Serienhandlungen in denen Nachbarschaft irgendwie eine Rolle spielt. Die Struktur des Textes in abgeschlossene Sinnabschnitte ist vor Allem maßgeblich für den Aufbau der Station.

Durch die wechselnden Teams und die intuitive Auswahl und Reihenfolge der Textaufgaben, sowie die klassische Aufführungssituation durch Moderation und Spielende wird der Text in einen neuen Sinnzusammenhang und Rezeptionsmodus überführt, der auch außerhalb des Spiels weitergeführt wird. Die Aufmerksamkeit dem Gelesenen gegenüber verändert sich durch die Wettbewerbssituation merklich. Von außen beobachtet ist das besonders an der Lautstärke abzulesen, die von Runde zu Runde immer mehr zunimmt. Obwohl es keinen materiellen Gewinn gibt, funktioniert die kompetitive Situation bei den fünf Durchläufen an dem Abend gleichbleibend gut.

Der zweite abgetrennte Raum ist deutlich kleiner, etwa 3x3m. Der Boden ist flächendeckend mit weißem Papier beklebt, Papierbögen und Stifte liegen herum. Aus einer Box in einer Ecke des Raumes ertönt eine männlich konnotierte Stimme die den Text vorträgt. Der Raum trägt den Titel „Das hässliche Haus“, welches in dem Text detailliert beschrieben wird. Eine kleine Lücke zwischen zwei Vorhängen ermöglicht das ein- und ausgehen und Zuschauende können von außen reingucken.

Der Text der in diesem Raum gehört werden kann, beschreibt detailliert das Haus der Protagonist*in in Relation zu den Nachbarshäusern. Als wir das erste Mal den Text gelesen haben, waren unsere ersten Assoziationen die Villa Kunterbunt oder Hänsel und Gretel und die jeweiligen Illustrationen die wir aus Kinderbüchern kennen.

Hinter dieser Anordnung liegt die Idee, die Visualität des Textes zu betonen, den Text als Anlass für Gespräche, Textschnipsel oder Kritzeleien zu nehmen. Durch die Enge in dem Raum und der Geräuschkulisse während der Veranstaltung klappt das aber eher nicht. Der Raum wird als eine Art Lounge benutzt. Es sitzen immer viele Leute auf dem Boden und kritzeln herum, aber die Audioaufnahme des Textes geht vermeintlich eher unter und wird nur am Anfang wirklich bewusst wahrgenommen. Es bilden sich irgendwann zwei Lager: Die, die vor der Box sitzen und auch zuhören und die, die weiter weg sitzen und eher Privatgespräche führen. Diese werden klar beeinflusst von ihrer Umgebung und der Veranstaltung, reflektieren aber die Situation oder den Text wenig bis gar nicht.

Neben den beiden abgegrenzten Räumen, dem Basteltisch und den erwähnten Dosentelefonen, die wir gebastelt haben, gibt es zwei weitere Stationen, die auf Noras Texten aufbauen, sich aber offen im Raum befinden.

Überall verteilt, auf verschiedenen Höhen, teilweise versteckt hängen kurze Teile eines Textes aus. Die Zettel tragen alle Überschriften wie Jahr 1, Jahr 1 3/4, Jahr 2… Der erste Zettel ist direkt wenn man reinkommt rechts an der Fensterfront angebracht, an jedem zweiten Fenster hängt einer und dann muss man den Raum absuchen um chronologisch weiterzulesen.

Am vierten Fenster:

Jahr 3

Im Treppenhaus falle ich über ein Spielzeugauto und prelle mir den Arm.

Auf dem Parkettboden mitten im Raum:

Jahr 11

Die Scout Tasche ist einem Eastpack Rucksack gewichen. Immer noch größer als sie, „aber sie wird da schon rein wachsen“ denke ich mir. Sie trägt weniger pink, dafür mehr blau und enge Jeans.

An einer Toilettentür:

Jahr 17

Am Wochenende sehe ich Emma immer aufgedonnert weggehen. In kurzen Kleidern und hohen Schuhen. Die Haare sind wieder gleichmäßig verteilt und glatt. Manchmal kommt sie zu mir um heimlich Zigaretten zu rauchen. Sie sagt ihren Eltern wohl wir lernen Mathe. Ihre Noten werden – komischer Weise — immer besser.

Als wir uns das ausgedacht haben, dachten wir ehrlich gesagt nicht, dass irgendjemand wirklich durch den Raum laufen würde um den nächsten Text zu suchen. Der Text ist in seiner Struktur wie ein Handlungsstrang in einer Episodenerzählung und wenn man das Setting verstanden hat, machen die einzelnen Episoden auch irgendwie Sinn, egal in welcher Reihenfolge. Trotzdem kann man immer wieder Grüppchen beobachten, die mit ihrem Bier oder ihrer Mate in der Hand den Raum nach einer bestimmten Zahl absuchen. Vielleicht sind sie angestachelt von dem Quiz.

Im Großteil des freien Aufführungsraumes stehen Tische und Stühle, die ziemlich zentral in eine Art Schulkulisse aufgebaut sind, mit Sitzbänken und einem Einzeltisch vorne. Auf den Tischen liegen Etuis und Schulhefte. An einem Einzelplatz ganz vorne sitzt Sophie (auf dem Bild hat sie einen blonden Zopf) und schreibt Noras Text per Hand auf ein anderes Blatt Papier. Sie schreibt mal ganze Absätze, mal nur Halbsätze oder einzelne Wörter auf. Die Zettel faltet sie dann zusammen und gibt sie nach hinten weiter. Da an den vier Tischen eigentlich nur Platz für 12 Menschen ist, versammeln sich diejenigen die gerade nicht in einen der geschlossenen Räume passen hin und wieder um die Tische herum. Die, die an den Tischen sitzen, geben ihre Zettel an die Stehenden weiter oder beginnen die Zettel, die sie bekommen, laut vorzulesen. Als der Text einmal komplett aufgeschrieben und weitergereicht ist, geht Sophie ab.

Der Aufbau bebildert den Ort, an dem Noras Text spielt, extrem deutlich. Also es geht um Schule, speziell um die Sitznachbarn der Protagonistin, wie sie sich so verstanden haben und warum die irgendwann immer nicht mehr ihre Sitznachbarn waren. Spannend ist vor allem, wie alle die Klassensituation irgendwann auch sozial reenacten. Als Sophie weg ist, fangen einige an sich gegenseitig Briefchen zu schreiben. Viele beziehen sich dabei auf Narrative von Klassenräumen, die jeder kennt. Liebesbriefe zum Ankreuzen, Skizzen von den Sitznachbar*innen usw. Nadiah und Laurin malen hauptsächlich Penisbilder. Als alle anfangen die Briefchen zu Flugzeugen zu falten und rumzuwerfen, fangen Annegret und Julia an dem kleinen erhöhten Tisch an aufzulegen. Gijs, der Techniker, macht die Beleuchtung der Stationen aus – ein klassisches Theaterzeichen für: Aufführung vorbei.

Fotos (c) Leonidas Kosmidis


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

05.07.2018
Erfahrungsbericht einer Literaturhauspraktikantin
Judith Martin

Dossier: Schreiben über Lesungen

 

Release-Lesung der 49. Bellatriste im Literaturhaus St. Jakobi
23/11/2017

 Wir fangen 15 Minuten später an, weil wir warten, ob noch jemand kommt. Es sind weniger Leute da als erwartet, sehr viel weniger sogar – das wird am Wetter liegen: kalt und nieselnass.

Wir, das heißt das Team vom Literaturhaus und ich, probieren heute etwas Neues. Ich habe als Praktikantin beim Literaturhaus die Koordination der Bella-Lesung übernommen und mir zusammen mit der Projektmanagerin Sarah Patzak und dem Technischen Leiter David Schnitter das Raumkonzept für heute Abend überlegt. Normalerweise richtet sich die Bestuhlung nach der Bühne vor der grauen Holzwand, einer Stadtwand passend zum Spielzeitthema Stadt. Heute gibt es drei Punkte im Raum, die gleichwertig bespielt werden: die Plakatwand, der Kiosk und die Stadtwand. Nach diesen drei Ecken ist auch die Bestuhlung ausgerichtet. In der Mitte des Zuschauerraums ist dadurch eine freie Fläche entstanden, in der der Büchertisch steht. Dort liegen auch jetzt schon die pinken Bellatristen in pinkem Licht aus, denn um dieses Produkt geht es auf diesem Release-Abend schließlich.

Der Raum beim Aufbau. Frontal die graue Stadtwand, rechts die Plakatwand, links nicht mehr im Bild der Kiosk. (c) Lasse Kohlmeyer.

Es ist schade, dass nicht mehr Leute diesen Abend mitbekommen. Aber es schadet der Atmosphäre nicht. Das wäre mit Sicherheit anders, wäre frontal und voll bestuhlt.

Die Leute kommen an die Bar und trinken, stehen ein bisschen in Grüppchen herum und suchen sich schon Plätze. Als es dann losgeht, geht es wirklich schnell los. Das überrascht mich, weil ich gedacht hatte, dass der Anfang träger sein würde. Das ist gut. Ein interessiertes Publikum ist sehr gut!

Hauptsächlich Studierende sind da, eine Handvoll älterer Hildesheimer aber auch, was für Studierendenveranstaltung gar nicht schlecht ist.

 

Peter Neumann

Peter Neumann sitzt vor der Plakatwand an einem Tisch mit Schwanenhalsmikrofon und Leselampe. Die Wand bildet einen bunten, unruhigen Hintergrund. Er, mit Jackett und schlichter Kleidung, hebt sich gut davon ab. Ein Spot ist auf ihn gerichtet, ein weiterer Spot beleuchtet den Büchertisch. Peters Lampe spendet ihm gut Licht in seiner dunklen Ecke.

Er stellt sich selbst nochmal kurz vor. Von der Einführung durch den Literaturhausintendanten Dirk Brall und Luca Lienemann von der neuen Redaktion der Bellatriste habe ich nichts mitbekommen, weil ich zwei der Trinker von vor der Tür davon abhalten wollte, in die Kirche zu kommen. Ich kam mir schrecklich vor: Die beiden reden auf mich ein von wegen Haus Gottes und was passiert denn da drinnen und können wir rein, wir wollen nur mal gucken. Ich sage: Dann müsst ihr fünf Euro bezahlen, nein, bleibt bitte draußen. Und die Studierenden, die ich kenne, lasse ich gleichzeitig noch für umsonst herein, aber die beiden nicht. Weil ich Angst habe, dass sie sich nicht benehmen, dass sie pöbeln, dass sie Unruhe stiften und ich nichts dagegen machen kann. Ich bin aufgeschmissen: Wen lasse ich auf „meine“ Lesung und wen nicht?

Peter Neumann liest Lyrik und Prosa. Er kündigt seine Texte an und moderiert sich zwischen den Gedichten und Prosastücken selbst an und weiter und durch. Er liest souverän und mit angenehmer Stimme. Trotzdem habe ich Schwierigkeiten, ihm zu folgen, weil ständig Leute nachkommen und ich die Tür bediene und Schiss habe, dass die Trinker wiederkommen.

Die Bühne und der Kiosk wirken leer ohne ihre Lesenden. Das hätten wir absprechen oder ausprobieren sollen. Sowieso wäre eine kurze Durchlaufprobe gut gewesen, für meine Entspanntheit und für die Abläufe während des Abends. Wenn eine Lesung nicht in dem festen Rahmen der frontalen Bühne funktioniert, muss ihr flexibler Rahmen eben ausgetestet werden.

Andererseits: Würden die anderen vier Lesenden schon auf ihren Stühlen sitzen, wären sie in dieser unangenehmen Halbrampenlicht-Situation und müssten ihr ZuhörerInnengesicht aufsetzen. Das müssen wir im Publikum zwar alle auch irgendwie, da jeder von den gegenüberliegenden Blöcken aus gesehen werden kann, aber wir anderen kommen heute Abend nicht mehr ins volle Rampenlicht.

Das Publikum hört ruhig und gespannt zu, so ist mein Eindruck, allerdings weiß ich nicht, ob das stimmt, denn ich bin selbst so angespannt und unruhig, dass ich wenig Stimmung aufnehmen kann.

(c) Ella Fiebig

Zum Ende seiner Lesung schaltet Peter die Leselampe aus, bleibt aber auf seinem Stuhl sitzen. Ein gelungenes Ende.

Es gibt keine Zwischenmoderation, sondern stattdessen wechselt der Spot: Peters vor der Plakatwand geht aus, Maries auf sie und den Kiosk gerichtet geht an.

 

Marie Luise Lehner

Ich habe vergessen, Marie ihr Mikrofon zu geben und ihr den Notenständer hinzustellen. Aber ich bin super froh, denn sie macht das selbstbewusst und souverän und ohne zu zögern einfach selber. Das hätte nicht jeder so hingekriegt.

Sie hat ihren roten Mantel auf dem Barhocker liegen gelassen, ich hatte ihr vor dem Einlass gesagt, sie solle das tun, damit den niemand vorher besetzt. Aber sie hat ihn dann auch hängen lassen, als die Lesung anfing, was mir gar nicht weiter aufgefallen ist und irgendwie cool aussah, aber auch ein wenig deplatziert.

Sie sitzt auf ihrem Barhocker wie auf einem Stuhl in einer Bar, hingeflätzt, entspannt, lässig. Sie muss die Bella, aus der sie liest, mit einer Hand komisch auf dem Notenständer festhalten, während sie in der anderen das Mikrofon hält. Das ist noch nicht die optimale Lösung: entweder mit losen Blättern oder doch das Buch in der Hand; allerdings hat sie auch noch das Mikro in der Hand und das wäre wohl ein bisschen viel geworden.

(c) Ella Fiebig

Ich musste den Platz wechseln, von neben der Tür zu hinter Marie, um ihr das Mikro zu geben. Deswegen sitze ich jetzt voll im Licht ihres Spots und fühle mich leicht unwohl. Aber ich sehe kaum, was hinter dem Lichtkegel liegt, deswegen kann ich mich ganz gut auf meine Lesehaltung und Maries Text konzentrieren. Von dem bekomme ich jetzt auch alles mit, weil ich nicht mehr von der Tür abgelenkt werde. Ich ärgere mich, dass ich nicht schon vorher hier saß und die Tür einfach sich selbst überlassen habe; dann hätte ich Peter deutlich besser mitbekommen.

Durch die Aufteilung des Zuschauerraums kann das Publikum nicht nur den Raum unterschiedlich und anders wahrnehmen, sondern es wird selber zum Teil der Inszenierung. Wir stellen uns zur Schau, wie wir auf dieser Kulturveranstaltung sind und Literatur konsumieren. Und es gibt mehr anzugucken als nur die Autorinnen und den Autor, die nicht viel mehr machen als zu lesen.

Eine Besucherin des Abends sagt mir später, dass ihr die Beobachtungssituation gefallen hat. Sie schaut gerne anderen Menschen zu, vor allem, wenn die einem Text zuhören.

Mir geht es ähnlich. Es ist ungewöhnlich und sehr interessant, hinter der Lesenden zu sitzen. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mehr auf ihre Stimme konzentriere, wenn ich sie nicht von vorne sehen kann. Wie es wohl wäre, eine Lesung im Dunkeln abzuhalten? Allerdings schiele ich ab und zu über Maries Schulter, wie viel noch zu lesen ist – würde ich den Text langweilig finden, würde ich dem wahrscheinlich sehr viel Aufmerksamkeit schenken und dadurch einiges verpassen, was im Text vor sich geht.

Marie liest klar und stark, das Publikum (und auch ich) folgt ihr aufmerksam. Immer wieder kommen kleine Störungen aus Richtung der Tür, aber ich kriege das nicht so sehr mit, dass es mich aus dem Zuhören reißen würde. Später erzählen mir die Leute aus der Bella-Redaktion, die neben der Tür saßen, dass einer der Trinker ins Hauptschiff gekommen ist, sich kurz gesetzt hat und dann aber sehr schnell wieder raus ist. Also hätte ich die beiden vorhin ruhig reinlassen können.

Es wird viel gelacht und geschmunzelt, manchmal hämisch und manchmal wissend. Ich bin zittrig und erschöpft.

Maries Lampe beleuchtet nur die Hälfte ihrer Buchseite. Das hätten wir besser ausrichten sollen, da hätte ich vorher dran denken sollen. Würde es sie sehr doll stören, könnte sie die aber auch noch verbiegen, also everything all right, sage ich mir.

Während Marie liest, kommen immer noch manche Nachzügler und einige Leute gehen quer durch den Raum zur Toilette. Ob es besser wäre, eine Pause zu machen und diese auch anzukündigen? Aber eigentlich kann man schon eine gewisse Disziplin vom Publikum erwarten. Und dass sie gerade nicht bis zum Ende der Lesung warten können, um auf Toilette zu gehen, ist ja auch ein Statement. Müssen sich das Publikum, die VeranstalterInnen und die Performenden grundsätzlich positiv gesinnt sein? Oder steckt ein besonderes Potential gerade darin, dass sie es nicht sind?

Als Marie sich räuspert, kriege ich einen Schrecken. Ich habe ihr zwar Wasser hingestellt (auf die Bar schräg hinter ihr), habe ihr das aber nicht mehr vorher explizit gezeigt. Außerdem stehen die Karaffe und das Glas so blöd, dass sie sich sehr weit drehen müsste, um sich einzuschenken. Eine eher ungeschickte Situation. Aber sie liest ohne Hustenanfall bis zum Ende.

 

Helene Bukowski, Leonie Lerch, Leonie Wyss

Das Licht auf der Bühne geht an, der Spot bei Marie geht aus und sie knipst ihre Lampe aus. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt ein bisschen willkürlich ist.

Hier fehlt etwas, ein Übergang, der den Abend mehr zusammenhält. Sei das doch durch Zwischenmoderation, sei es durch ein weiteres Feature im Raum, sei es durch eine kleine Pause zwischen zweitem und letztem Text, sodass alle sich nochmal sammeln können und wieder etwas mehr Konzentration haben. Musik wäre vielleicht ein gutes Medium der Überleitung, eine Live-Band oder ein Singersongwriterduo. Musik, bei der man sich kurz entspannen kann, das gerade Gehörte auf sich wirken lassen und sich innerlich auf den nächsten Text vorbereiten. Ansonsten hängt man noch etwas im alten Text und stolpert gleich in den nächsten.

Vorne lesen Leonie Lerch, Leonie Wyss und Helene Bukowski eine Collage aus Sätzen aus alten Bellas. Sie steigen in den Text ein, ohne vorher etwas zu sagen, ohne sich oder ihren Text vorzustellen. Ich frage mich, ob hier etwas fehlt oder ob es gerade passt, so sehr abrupt in diese Klangcollage einzusteigen.

Eigentlich hätte Martina Hefter performen sollen, aber sie ist kurzfristig krank geworden und deswegen sind die drei Herausgeberinnen mit dieser Collage eingesprungen. Natürlich wäre es interessant gewesen, Martinas Performance zu sehen. Das hätte dem Abend eine andere Färbung gegeben, gerade auch, weil ihre Textperformance für den Anfang geplant war.

Die Bella-Collage wirkt auf der Bühne wunderbar, mit den pinken Luftballons, der hochkonzentrierten Haltung der drei Lesenden, dem Klangteppich ihrer Stimmen, der sich in der Kirche ausbreitet. Dafür ist dieser hallende, klingende Raum perfekt geeignet.

(c) Ella Fiebig

Vom Inhalt des Textes kriege ich nicht sehr viel mit, meine Konzentration hat sich vollends erschöpft. Das ist schade, aber ich lasse mich von dem Stimmteppich umwabern. Einige Male frage ich mich, ob einige Sätze aus denselben Texten kommen oder ob sie durch die kuratorische Arbeit der drei so passend zueinander ausgewählt wurden. Ich hätte den gelesenen Text gerne vor Augen gehabt und nachverfolgen können, welcher Satz aus welchem Text, welcher Bella und von welcher Person stammt. Aber so, dass ich mir die Information nehmen kann, wenn ich will, und nicht davon überfrachtet wird. Wie die Texte beim Bachmannpreis oder der Liederzettel beim Weihnachtsgottesdienst.

Hinterher läuft eine Playlist und die Leute stehen wieder beisammen. Luca verkauft Bellas und ich denke, dass der niedrige Tisch unpraktisch ist, weil er sich nicht gut dahinter setzen kann, sondern daneben hocken muss. Irgendwann stellt er sich hin. Niemand sitzt auf den Sitzkissen, die neben dem Tisch gestapelt sind und eine Leseinsel kreieren sollten. Aber das ist nicht schlimm.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bülhoff und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.


Was macht eine Lesung aus – und wie kann man Lesungen beschreiben und analysieren? Das Dossier “Schreiben über Lesungen” versammelt Texte, die im Seminar „Textperformance. Aktuelle Positionen und Begriffe” von Andreas Bühlhof und Lena Vöcklingshaus an der Universität Hildesheim entstanden sind.

12.06.2018
Auf den Schultern von . . .
Esther Becker

Unsere AutorInnen antworten auf die Greatest Hits der Weltliteratur

 

  1.  Ein Buch muss eine Axt sein für… das Bestehende.[1]
  2. Schreiben ist leicht, man muss nur… die falschen Wörter behalten und auch die schlechten gebrauchen.[2]
  3. Denk ich an Deutschland in der Nacht… ach![3]
  4. Und dann muss man ja auch noch Zeit haben um… ein heißes Bad zu nehmen.[4]
  5. Eine Rose ist eine Rose ist… einmal rundherum in den Baumstamm geritzt.[5]

[1] „Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.“ Walter Benjamin Der Destruktive Charakter

[2] „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. (…) Ich bin auch bei der Bildung von Zusammenhängen vorsichtig geworden. (…)Niemand kann von mir verlangen, daß ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind.“ Ilse Aichinger Schlechte Wörter

[3] „O weh mir, weh! ach, ach, ach, ach!“ Aischylos Prometheus

[4] „Es muß eine Menge Dinge geben, gegen die ein heißes Bad nicht hilft, aber ich kenne nicht viele.“ Sylvia Plath, Die Glasglocke

[5] “… she would carve on the tree Rose is a Rose is a Rose is a Rose is a Rose until it went all the way around.” Getrude Stein The World is Round


 
Esther Becker ist Dramatikerin, Erzählerin und Performerin. Sie studierte an der Hochschule der Künste Bern und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Lesung im Januar 2015.

 

 

 

 

 

08.05.2018
Auf den Schultern von . . .
Dmitij Gawrisch

Unsere AutorInnen antworten auf die Greatest Hits der Weltliteratur

 

1. Ein Buch muss eine Axt sein für all die Bäume, die den Blick auf den Wald verstellen.

2. Schreiben ist leicht, man muss nur regelmäßig das Schreibprogramm aktualisieren.

3. Denk ich an Deutschland in der Nacht, kriege ich Hunger auf einen Döner mit Knoblauchsauce, scharf.

4. Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, um das Geschirr zu spülen, das Bad zu schrubben und den Schneeflocken beim Fallen zuzusehen.

5. Eine Rose ist eine Rose ist keine Rose mehr, wenn man ihr die Stacheln absäbelt: Schönheit muss stechen.

 


Dmitrij Gawrisch

*1982 in Kiew, aufgewachsen in Bern, lebt heute in Berlin. Zunächst Studium der Wirtschaftswissenschaften. Schreibt Prosa, literarische Reportagen und für die Bühne. Gleich sein erstes Theaterstück „Brachland” wurde 2011 zum Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen eingeladen. Für das Medientheaterkollektiv machina eX schrieb Gawrisch den Text zu „Lessons of Leaking”, das inzwischen über 150 Mal im In- und Ausland zu sehen war. Sein jüngstes Stück, „Wird schon werden”, feierte im Herbst 2017 am Theaterhaus Jena Premiere. Veröffentlichung in Zeitschriften, darunter Manuskripte, Lichtungen, Entwürfe, Block und Reportagen. Zahlreiche Stipendien und Preise, u.a. der Preis für Prosa beim Open Mike Berlin. Die Arbeit an seinem ersten Roman „Der Kranich im Schnee” fördert der Kanton Bern mit einem Werkbeitrag. Lesung im September 2015.

 

 

 

 

 

12.04.2018
Wenzel Style
"Das" darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Olivia Wenzel

 -ich habe seit kurzem einen kreis.
lese-kreis zu sagen, widerstrebt mir; das klingt muffig und nach club der toten dichter. außerdem besprechen wir auch musik, kunst, filme, serien, akademische theorien – dinge, die uns begeistern, anregen, über die wir gemeinsam nachdenken wollen. wir sind bisher fünf bis sieben personen aus unterschiedlichen disziplinen und in ähnlichem alter, treffen uns ca. einmal im monat. niemand in unserem kreis – bisher nenne leider nur ich uns geheimnistuerisch DER KREIS”  – ist weiß. das tut überraschend gut.

-vor zwei jahren ging ich mal zu einer tankstelle, die meinem damaligen atelier im ddr-funkhaus gegenüber lag. ich wollte mir für die nächtliche arbeitspause einen snack kaufen. am nachtschalter starrte mich plötzlich ein tankwart intensiv durch die glasscheibe an, mit mahlendem unterkiefer und roten flecken am hals. er sagte, dass es die crunchips african style[1], die ich haben wollte, hier nicht gäbe. ich sagte, dass ich die aber von draußen im regal liegen sähe, er presste hervor: “nein”. der tankwart weigerte sich, mich zu bedienen, starrte mich immer weiter an, rote flecken mittlerweile auch im gesicht. plötzlich kam ein anderer weißer mann dazu, stellte sich neben mich und fragte, was los sei. daraufhin holte der tankwart wortlos die chips. ehe er sie durch den spalt des nachtschalters schob – er schaute mich jetzt gar nicht mehr an -, schrieb er mit einem edding eine “1” und eine “8” oben rechts auf die tüte. ein paar minuten später, zurück in meinem atelier, begriff ich, dass er die initialen von adolf hitler in altbekanntem nazicode auf meinen mitternachtssnack gemalt hatte.

-solche sachen würde ich DEM KREIS nicht erzählen. wir alle haben grausame, absurde und lächerliche geschichten dieser art erlebt, erleben sie weiterhin, wahrscheinlich bis an unser lebensende. trotzdem (oder gerade deswegen?) haben wir lust, sie zu überwinden, weiter und tiefer zu denken, nicht permanent zurück, nicht permanent in den schmerz rein.

-z.b. so: kürzlich habe ich das erste mal eine kitschige romcom gesehen, in der die protagonistin schwarz und es an keiner stelle ein thema war – toll. oder so: kürzlich bin ich durch eine freundin auf fotos von delphine diallo gestoßen und war ganz angetan. oder so: kürzlich habe ich angefangen, bell hooks’ buch “all about love” zu lesen und es fühlte sich warm an. positiver input, meistens aus übersee, ist wichtig – für meine künstlerische und meine soziale praxis. humor hilft, netzwerke helfen, den arbeitsplatz von lichtenberg nach schöneberg zu verlegen, hilft. und in naher zukunft: mentorin sein, etwas weitergeben, zuhören.

-trotz meinem wunsch, mich nicht ständig mit rassismus zu befassen (oder gerade deswegen?) tauchen im buch, an dem ich jetzt schreibe, zunehmend geschichten wie die vom hasserfüllten tankwart auf. letztens habe ich auf einer lesung ausschnitte daraus gelesen – allerdings nicht die story um die crunchips, sondern texte, in denen das äußere einer asiatischstämmigen figur beschrieben wurde. bei der vorbereitung der lesung stellte ich mir einmal vor, diese ausschnitte mit DEM KREIS zu besprechen. sofort veränderte sich mein blick auf die texte. ich ertappte zwei stellen beim unbedarften verwenden rassifizierender zuschreibungen, kürzte sie verschämt, formulierte um.

-perfide: ein unsichtbarer lehrer hat mir jahrelang dinge eingetrichtert, die sich nur mit anstrengung greifen und wieder verlernen lassen. wenn ich schreibe, schreibt er schöpferisch mit. ich bin nicht davor gefeit, etwas zu reproduzieren (und damit zu repräsentieren), das ich unter keinen umständen repräsentieren will.

-ein weißer freund warf einem meiner texte kürzlich ideologisch verblendete subjektivität vor. er kritisierte, dass ich die nazis eindimensional dargestellt hätte, ohne einfühlung. mein freund hat(te) recht. ich schreibe nah an meinen erfahrungen und den erfahrungen von leuten aus meinem umfeld. zur zeit sprechen meine texte in erster linie von und für menschen mit verwandten diskriminierungserfahrungen, menschen, die sich mit ähnlichen turbulenzen rings um ihre identitäten konfrontiert sehen – “meinesgleichen” also. klar bin ich da parteiisch, und klar will ich vielen, bisher vom mainstream ungehörten stimmen eine stimme geben und sein. gleichzeitig ist einiges von dem, was ich zu sagen habe, für nicht weiße menschen in deutschland ein alter hut. oder anders: geschichten wie die vom lichtenberger tankwart wollen vor allem eine erfahrung an jene vermitteln, die diese erfahrung nicht kennen. für wen schreibe ich das also tatsächlich auf, mit wem will ich kommunizieren?

-wenn nicht weiße autor*innen von rassistischen und sexistischen erlebnissen auf lesereisen und in interviews berichten, wenn sie von unangenehmen labelungen zu pr-zwecken erzählen und vom gefühl, für die trendy diversifizierung des literaturbetriebs benutzt zu werden, könnte ich kotzen. um mich gegen solche situationen zu wappnen, brauche ich strategien. anderthalb jahre bevor mein buch erscheint, lange bevor es überhaupt geschrieben ist, befasse ich mich damit, schlachtpläne zu seiner und damit meiner verteidigung zu ersinnen. denn ich gehe – für den fall, dass es überhaupt einige leute interessiert – selbstverständlich von kommenden, unangemessen persönlichen angriffen, von rassistischen und vor allem unbewusst rassistischen kommentaren aus. das sagt nicht nur etwas über mich und meinen hang zur paranoia, sondern auch über den deutschen literaturbetrieb. der unsichtbare, perfide lehrer hat es dort in allen abteilungen sehr bequem. um ihn sichtbar zu machen und anschließend souverän aufs kleinstmögliche maß zu schrumpfen, muss ich bei mir anfangen. manche meiner internalisierten rassismen kann ich vielleicht allein oder mit DEM KREIS überwinden. manche meiner heiß ersehnten strategien kann ich vielleicht, hoffentlich, zusammen mit DEM KREIS entwickeln; vermutlich ist DER KREIS selbst schon eine strategie.

-strategien sind nützlich. gleichzeitig muss ich akzeptieren lernen, dass ich wenig einfluss auf die rezeption meiner arbeit habe. und dass das nicht nur schlecht sein muss. vielleicht finden meine texte letztlich bei der weißen tochter eines lichtenberger nazis viel mehr anklang als bei der schwarzen schülerin, die gerade in augsburg abitur macht und sich energisch in der jungen union engagiert. was wäre dagegen einzuwenden?

-fazit?
es gibt den grimmigen tankwart, der absichtlich ein nazi ist – das tut weh. es gibt immer mal wieder sowas wie meinen weißen mitbewohner, der beim frühstück sagt: “boah, mir fällt grad ein richtig rassistischer witz ein, den erzähl’ ich dir aber lieber nicht, du hast dich da immer so.” – das tut auch weh, aber anders. und es gibt leute im literaturbetrieb, die schon jetzt ns-vokabular fahrlässig benutzen, um über meine arbeit zu sprechen – richtig eklig. das erste beispiel, der tankwart, ist ein messerstich zwischen die rippen, die anderen beispiele ein paar zu feste nackenklatscher – harmlos anmutend, nicht böse gemeint, trotzdem ätzend.
alle beispiele basieren auf einer alten idee: dem konzept von weißsein als universeller norm. schreibend versuche ich, die akzeptanz dieses konzepts in frage zu stellen.

-wie ich das bewerkstellige, was das alles poetologisch für “meine” prosa bedeutet, finde ich im moment heraus. bisher habe ich überwiegend theaterstücke geschrieben und musik gemacht, komme also vom dialoge schreiben und vom intuitiven, mal melancholischen, mal albernen arbeiten mit sound. ich mag mehrstimmigkeit, montage, rhythmisierung und assoziative dramaturgien. ich mag es, mir und anderen fragen zu stellen, ins skurrile abzudriften, konkrete, mal roughe, mal banale realitäten in miniaturen zu erzählen. außerdem ta-nehisi coates. ende 2016 habe ich ihn zufällig kurz in new york getroffen, danach sein buch “between the world and me” gelesen. wie er darin reflektion, persönliches erleben und (kultur-)historisches wissen zu kluger, mich peinigender literatur vermengt, hat mich nachhaltig inspiriert.

[1]             wann bringt die firma lorenz wohl die “crunchips european style” auf den markt? und wonach werden sie schmecken?

 


Olivia Wenzel , 1985 in Weimar geboren, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Uni Hildesheim, lebt und arbeitet in Berlin. Wenzel schreibt Texte für die Bühne und Texte zum stillen Lesen, macht Musik als OTIS FOULIE und ist als Performerin aktiv – zuletzt im Stück “Die Erfindung der Gertraud Stock” mit dem Kollektiv vorschlag:hammer.

Wenzels Texte fürs Sprechtheater wurden u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater, am Deutschen Theater Berlin und am Ballhaus Naunynstrasse aufgeführt. Mit Prosatexten war sie u.a. zu Gast beim Internationalen Literaturfestival Berlin, im Literaturhaus Hamburg und beim letzten Prosanova Festival. 2017 war sie außerdem Teilnehmerin des Klagenfurter Literaturkurses beim Bachmannpreis und bei der Autorenwerkstatt des LCB.

Neben dem Schreiben gibt Wenzel Workshops, arbeitet in Textwerkstätten mit Kindern und Jugendlichen, und ist Teil des cobratheater.cobra Netzwerks. Ihr Debütroman erscheint 2019.


“DAS” DARF MAN* JA WOHL (NOCH) SCHREIBEN MÜSSEN?!1

Wer kommt zu Wort und wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die diese Fragen bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, rücksichtslos und grenzüberschreitend sein, wehtun?

Wir wollen uns 2018 in diesem Blog schwerpunktmäßig mit Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive auseinandersetzen. Wir laden AutorInnen und andere AkteurInnen des literarischen Feldes ein, diese Fragen aus dem Blickwinkel Ihrer konkreten Arbeit zu beleuchten.



Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

12.04.2018
Was Literatur verdammt nochmal im Jahr 2018 alles darf. Zehn Thesen
"Das" darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Florian Kessler

1. Literatur darf verdammt nochmal alles.

2. Aber sie darf auch verdammt hart kritisiert werden, wenn sie mit dieser riesigen Freiheit schlecht umgeht.

3. Solche Kritik ist wichtig für eine lebendige Kultur, in der Kunstwerke diskutiert und hinterfragt und nicht einfach nur abgefeiert werden.

4. Wenig entgegengesetzte Meinungen und wenig grundsätzliche Kritik bedeuten nicht automatisch Zivilisiertheit der Leserschaft, sondern oft lediglich, dass ein Kunstwerk auf ein wenig widersprüchliches Publikum stößt. In einer Telefonzelle oder im Literaturbetrieb der nuller Jahre war es nur so schön ruhig, weil alle Anwesenden eh gleicher Meinung waren.

5. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur im Jahr 2018 aber wird verstärkt von Leuten gemacht und gelesen, die  nicht exakt den gleichen kulturellen Hintergrund, das gleiche Weltwissen und die gleichen Maßstäbe haben wie etwa ich und meine Peergroup aus der Eichhörnchengruppe im Kindergarten.

6. Das ist selbstredend manchmal anstrengend, aber eben auch großartig. Und zwar nicht allein, weil dadurch mehr Menschen durch Literatur repräsentiert werden – sondern ebenso auch, weil deren unterschiedliche Anforderungen an Literatur die Auseinandersetzung um diese beleben.

7. Und Literatur soll die Ansichten anderer ruhig beleben, verwirren und sogar verletzen – es wäre eine dumpfe, stillgelegte Literatur, wenn solches übergriffiges Verwirren der Verhältnisse nicht sogar eines der wichtigsten Ziele von Gegenwartsliteratur wäre.

8. Wirklich gute Literatur sollte allerdings niemals so verdammt dumm sein, dass ihr die Verwirrung oder gar Verletzung anderer einfach nur unterläuft. Sie sollte im Wissen um mögliche Kritik an ihren Positionen darum ringen, zu welchem Zweck sie was wie zur Sprache bringt.

9. Die gute Literatur dieser Jahre darf also wie zu Anfang der Überlegung bei These Nummer 1 alles – verdammt gut ist sie aber nur dann, wenn sie genau darüber nachdenkt, wozu sie ihre ungeheure Freiheit einsetzt.

10. Je mehr wir über all das reden und streiten, desto reflektierter und besser machen wir Literatur.

 


Florian Kessler, 1981 in Heidelberg geboren, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, arbeitete als freier Journalist und ist seit 2015 Lektor für deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Sachbuch beim Hanser Verlag. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und auch beim Literaturfestival Prosanova dabei.


“DAS” DARF MAN* JA WOHL (NOCH) SCHREIBEN MÜSSEN?!1

Wer kommt zu Wort und wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die diese Fragen bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, rücksichtslos und grenzüberschreitend sein, wehtun?

Wir wollen uns 2018 in diesem Blog schwerpunktmäßig mit Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive auseinandersetzen. Wir laden AutorInnen und andere AkteurInnen des literarischen Feldes ein, diese Fragen aus dem Blickwinkel Ihrer konkreten Arbeit zu beleuchten.



Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

12.04.2018
: Schreiben über Mädchen
"Das" darf man* ja wohl (noch) schreiben müssen?!1
Stefanie de Velasco

Vor kurzem traf ich mich mit einer Radiojournalistin, die im Rahmen eines Features zum Thema “Schreiben für Mädchen” ein Interview mit mir führen wollte. Zu Beginn unseres Gesprächs meinte sie, für ihre Sendung würde sie noch O-Töne von Mädchen aufnehmen, d.h. Stimmen zu den Texten, die sie in ihrem Beitrag erwähnte. Ob sie das immer so mache, wenn sie einen Literaturbeitrag sende, wollte ich wissen. Lassen Sie dann immer die Leser*innen zu Wort kommen? Nein, antwortete sie. Warum dann bei mir, frage ich mich.

Die Journalistin meinte es gut, sie wollte meine Leser*innen aufwerten indem sie sie zu Wort kommen ließ, doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als ob durch diese Sonderbehandlung überhaupt erst eine Minderheit konstituiert wurde, ein Raum für eine Art Katzentisch geschaffen, einer an dem Frauen und Mädchen eine Sonderbehandlung erfahren, um fernab von “richtiger” Literatur zu Wort kommen zu dürfen. Als ich anfing zu schreiben, habe ich mir über wen oder was ich schreibe, nicht viele Gedanken gemacht. Ich schrieb über das, was mich selbst interessierte, ich schrieb aus einer Perspektive, die mir bekannt war, und Spaß daran machte vor allem die Grenzüberschreitung innerhalb der kulturell vorgegebenen Rolle. Erst als der Roman veröffentlicht und über das Buch geredet wurde, merkte ich, wie sonderbar es scheinbar war, ernsthaft über Mädchen zu schreiben.

Im Deutschen ist das Mädchen grammatisch ein Neutrum. Noch keine Frau, aber auch kein Kind mehr, teilt “Es” seinen Artikel mit dem Tier, es bevölkert wie das Tier die Hausmärchen und ist mit ähnlich viel Symbolik behaftet. Ein Mädchen ist zwar nicht dumm wie Brot, aber man(n) kickt wenn man(n) Pech hat wie eins oder ist geschwätzig wie ein Mädchen, dabei sind die meisten, die ich kenne eher schweigsam. Mädchen zu sein heißt sprachlos zu sein, weil das Mädchen so gut wie nie selbst – ob fiktiv oder real – zu Wort kommt. Der Tierrechtsaktivist James Aspey legte vor einiger Zeit für ein Jahr ein Schweigegelübde ab, reiste schweigend durch Australien und versuchte ohne Worte davon zu erzählen, warum er schwieg. Weil er ein Mensch war – ein Mann – hörte man ihm beim Schweigen zu. Er schwieg, um den Tieren eine Stimme zu geben, um durch das Schweigen auf die Sprachlosigkeit der Tiere und deren Leiden in der Tierindustrie hinzuweisen, ein Leid von dem kaum ein Mensch hören will.
 Mich interessierte die Aktion, weil sie dem Schreiben ähnelte. Das Schreiben ist eine schweigsame Angelegenheit. Ein Text ist still, er ist wie ein schweigsames Programm, das man sich einverleibt. Erst durch die Sinne wird der Text laut, in der Stille entfaltet er seine Stimme und damit seine Kraft. Als Autorin einem Mädchen eine Stimme zu geben, heißt jedoch nicht, dass ein Text ausschließlich für Mädchen gedacht ist. Genau so wie James Aspeys Adressaten nicht die Tiere sind, sind meine Adressatinnen nicht nur Mädchen. Ich schreibe nicht für sie, sondern über Mädchen. Das darf ich nicht nur, weil ich selbst als Mädchen groß geworden bin – das darf jede Person, egal ob männlich oder weiblich.

Das Geschlecht ist etwas Fiktives, auch das Mädchen ist eine fiktive Geschlechtsidentität. Ein Schreiben über Mädchen ist ein Spielen mit dieser fiktiven Mädchenidentität, d.h. die Requisiten dieses Mädchenseins zu bespielen, zu verhandeln und gleichzeitig keinen Vertrag mit ihnen zu haben: keinen Vertrag mit Einhörnern und Glitzerhaarspangen, pinker Kleidung und langen Haaren, Eiskunstlauf und Seilchen springen, Lippenstiften und Kajalstiften, keinen Vertrag zu haben mit der ersten heterosexuellen Liebe und der daraus früher oder später resultierenden Mutterschaft als Erfüllung des weiblichen Glücks innerhalb der Kleinfamilie. Ein Schreiben über Mädchen thematisiert für mich die kulturell induzierten Zwänge und den verzweifelten Versuch daraus auszubrechen und zwar nicht nur für Mädchen, sonder für alle, die sich angesprochen fühlen, egal ob Mädchen, Tiere, Gangster, Drags oder Dandies. Genauso wenig wie Gangster, Drags oder Dandies verlieben Mädchen sich in Pferde. Mädchen sind wie Dandies “junge Leute, die in auffälliger Bekleidung Kirche oder Jahrmarkt besuchen“, so lautet zumindest die Wikipedia-Definition für Dandies. Mädchen hängen wie Gangster mit ihrer Gang ab, sie nehmen Drogen, stehlen und erpressen. Sie schminken sich übertrieben wie Drags, küssen ihre Freundinnen ab, ziehen sich enge Kleider an und singen mit zu hohen Stimmen Karaoke. Mädchen sind eine kulturelle Rolle, womöglich sogar eine dessen Geschichte irgendwann einmal zu Ende erzählt sein wird, wie die des Ritters. Welches Denkmal wir dieser Rolle hinterlassen, liegt an uns.

Mit der Radiojournalistin sprach ich zum Glück noch sehr ausführlich. Über die Sonderstellung von Mädchenliteratur und was mich daran stört, warum ich das für Quatsch halte. Sie hörte aufmerksam zu und hielt das Mikrofon ganz dicht an meinen Mund. Kurz fühlte ich mich dabei wie James Aspey, als er nach einem Jahr auf der Couch des australischen Frühstücksfernsehens saß und sein Schweigen brach. Fühlt sich komisch an nach so langer Zeit endlich wieder meine Stimme zu hören, sagte er.

 


Stefanie de Velasco, 1978 in Oberhausen geboren, studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau. 2011 erhielt sie für den Anfang ihres Debütromans den Literaturpreis Prenzlauer Berg, 2012 war sie Stipendiatin der Schreib­werkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung. 2013 erhielt sie das Schreibstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen. Derzeit ist sie Stipendiatin der Dreh­buchwerkstatt München. Sie lebt und arbeitet in Berlin.


“DAS” DARF MAN* JA WOHL (NOCH) SCHREIBEN MÜSSEN?!1

Wer kommt zu Wort und wer darf wessen Perspektive einnehmen, für oder über wen sprechen, wie und in welchem Fall, warum oder warum nicht? Welche politische und moralische Verantwortung hat eine zeitgemäße Literatur, die diese Fragen bewusst reflektiert? Muss gute Literatur gut sein? Oder muss gute Literatur uneingeschränkt alles dürfen, rücksichtslos und grenzüberschreitend sein, wehtun?

Wir wollen uns 2018 in diesem Blog schwerpunktmäßig mit Fragen von Repräsentation, Identität und Perspektive auseinandersetzen. Wir laden AutorInnen und andere AkteurInnen des literarischen Feldes ein, diese Fragen aus dem Blickwinkel Ihrer konkreten Arbeit zu beleuchten.



Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile
Leerzeile

27.03.2018
Sascha Hargesheimer
Video-Portrait

Der gefeierte Dramatiker und Regisseur Sascha Hargesheimer ist mit seinem Stück “Archiv der Erschöpfung” zu einem Theaterfestival nach L.A. eingeladen. Doch dem endgültigen Durchbruch steht noch die letzte Probe im Weg. Und nicht nur das. Wir waren dabei um den Autor und seine Arbeit kennenzulernen.

 

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

Konzept & Regie: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
Mit: Mathias Becker & Gildas Coustier (Manufaktor), Thomas Köck, Lars Werner
Kamera & Colorgrading: Manuel Schamberger
Schnitt: Erin Högerle, Niklas Hütter
Rechte am Text „Archiv der Erschöpfung“ bei schaefersphilippen

26.03.2018
90° 0’0’S
Hörspiel
Maren Kames

Maren Kames führt uns in ihrem Hörspiel “90° 0’0’S” ins ewige Eis. Eine lyrische Verortung die schöner und schauerlicher kaum sein könnte.

 

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

Text & Regie: Maren Kames
Komposition & Produktion: Maren Kames und Sebastian Jurchen
Redaktion: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
SprecherInnen: Maren Kames, Fabian Stumm, Clara Sondermann, Bernd Hölscher, Alexander Huhn
Klavier: Sebastian Jurchen
Aufnahmeleitung: Leonardo Poeschel und Sebastian Jurchen

25.03.2018
Durch Hildesheim mit
Florian Kessler & Maruan Paschen

Angepasst und öde, findet Journalist Florian Kessler die Gegenwartsliteratur und gibt den Schreibschulen die Schuld daran. An der Schreibschule Hildesheim haben wir ihn auf den Autor Maruan Paschen treffen lassen, der gleich an 3 verschiedenen Schreibschulen studiert hat. Einen Tag haben wir die Beiden mit der Kamera begleitet. Zwischen Domäne und Döner, Villa und Bier. Mit Thomas Klupp, Katrin Zimmermann und Lena Vöcklinghaus.

 

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

Konzept & Regie: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
Kamera: Johanna Baschke, Philipp Müller
Tonmeister: Christoph Möller
Tonassistenz: Leonie Bartmann, Luca Calluso
Best Boy: James
Schnitt: Maik Reichert
Dank an: BELLA triste, Paul Brodowsky, Bistro Kehrwieder und Der Spanier

 

 

 

 

 

.

24.03.2018
Jan Skudlarek
Video-Portrait

Zum Grillen treffen wir den Lyriker Jan Skudlarek und sprechen mit ihm über Rap und Speck und den erweiterten Literaturbegriff, über das eigene Schreiben und seinen Co-Autor Google.

 

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

Konzept & Regie: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
Kamera & Colorgrading: Manuel Schamberger
Schnitt: Erin Högerle, Niklas Hütter

 

23.03.2018
Einer von uns
Hörspiel
Sandra Gugić

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

 

 

Komposition: Lukas Lauermann
Redaktion: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
SprecherInnen: Fabian Stumm, Janina Schröder, Naima Fehrenbacher, Murat Dikenci, Sebastian Straub, Gineke Pranger, Antje Härle
Ton: Emre Türker

22.03.2018
Isabel Walter
Video-Portrait

Wir begleiten die Autorin Isabel Walter zu ihrer Lesung bei Kabeljau & Dorsch und sprechen über ihren Text, das Lesen und digitale Nostalgie.

 

 

Dieser Beitrag ist 2015 für die Kabeljau & Dorsch Anthologie entstanden, die 2016 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen eBook Award ausgezeichnet wurde.

Konzept & Regie: Malte Abraham, Chris Möller, Sven Schaub
Kamera & Colorgrading: Manuel Schamberger
Schnitt: Erin Högerle, Niklas Hütte